Wotan Wilke Möhring: Fünf Bier mit Wotan
Die Klappe zu halten interessiert Wotan Wilke Möhring genauso wenig wie Rollen, die ihn bloß gut aussehen lassen. Ein Abend mit dem Punk des deutschen Films.
Von Okka Rohd
Es ist einer dieser Abende in Berlin, an denen die Luft sich nicht entscheiden kann, ob sie noch Spätsommer ist oder schon Herbst. Auf der Schönhauser Allee sind gerade zwei Autos böse ineinandergekracht, und das Blaulicht, das von den Hauswänden reflektiert, macht die Stimmung noch ein bisschen seltsamer. Das Erscheinen von Wotan Wilke Möhring hat da etwas sehr Beruhigendes. Er sieht genauso aus, wie man ihn sich vorgestellt hat: groß, drahtig, wach, ein Typ, der sehr gut auch in einen Boxring passen würde. Nur die Haare gehen gar nicht. Unten ausrasiert, oben länger, soll das so? Nee, nee, sagt Möhring, Filmfrisur, der Stauffenberg-Film mit Tom Cruise, und schon stehen wir vorm "Scotch & Sofa", einer Kneipe, die man schon für ihren Namen lieben muss.
Noch vor dem ersten Frischgezapften erzählt er, wie es ist, wenn einem plötzlich Tom Cruise gegenübersteht und man sich vertraglich dazu verpflichten muss, rein gar nichts über ihn zu erzählen. Man nickt angemessen beeindruckt, denkt aber sofort, dass Wotan Wilke Möhring, 40, der viel spannendere Typ ist als Cruise. Seine Stimme klingt, als hätte er den letzten Samstagnachmittag in der Südtribüne seines BVB verbracht, ein bisschen heiser und ausgeleiert, und auch sein Gesicht sieht nicht so poliert aus, als wäre es sich für das gewöhnliche Leben zu schade.
In dem Film "Videokings" hat er gerade Hotte gespielt, einen Voll-Proll mit unfassbarem Vokuhila, in "Gegenüber" einen Polizisten, der nicht weiß, wie er reagieren soll, als sein Partner ihm erzählt, dass er von seiner Frau verprügelt wird. In "Nichts als Gespenster", einem am 29. November anlaufenden Episodenfilm, in dem Menschen um die 30 nach sich und der Liebe suchen, ist er ein Frischverlassener, der versucht, seinen Trennungsschmerz mit seiner besten Freundin wegzuvögeln und dabei gar nicht merkt, wie sehr sich die schon in ihn verliebt hat.
Vom Elektriker zum Schauspieler
Er hat auch schon einen Hodenamputierten gespielt, der dringend sein abgeschnittenes Ei wiederhaben will, und in der Kifferkomödie "Lammbock" bestand sein Wortschatz im Wesentlichen aus dem Wort "ficken". Ob Hodenkrebs oder Assi: Jedes Mal wusste man, hier ist endlich mal wieder ein Schauspieler, der darauf besteht, dass seine Filmfiguren aussehen, als wären sie vom Leben ausgedacht und nicht von einem Drehbuchautor. Einer, dem es wichtiger ist, echt zu sein, als gut dazustehen.
Man hat ihm alle möglichen Rollen angeboten, mit denen er längst zum Star hätte werden können. Alles abgesagt, weil die Figur oder die Geschichte einfach nicht gestimmt haben. "Wenn es dir nur darum geht, ein Star zu sein", sagt er und macht das erste Bier leer, "dann musst du nicht Schauspieler werden, sondern zu ,Deutschland sucht den Superstar‘ gehen. Star zu sein, im Blitzlicht zu stehen - das kannst du einfacher haben, als Schauspieler zu werden."
Wotan Wilke Möhring hat auch einen Lebenslauf. Nur einen, mit dem man bei Personalchefs durchfallen würde. Er war Punkrocker, Elektriker, Fallschirmjäger, Diplom-Kommunikationswirt und Model. Er hatte einen Club in Berlin und eine Band namens DAF/DOS, für die er so hübsche Titel geschrieben hat wie "Ich glaub, ich fick dich später".
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