HomeCityguidePopkulturLifestyleShopNEWS

 

Reuters Vampir

 

Vampire: Blutiges  Jubiläum

Vor hundert Jahren starb Bram Stoker, der Erfinder des Dracula. Sein Roman machte den Mythos von Blutsaugern berühmt. Was ist seither nur aus dem Vampiren geworden!

Von Martin Haldenmair

Abraham Stoker war ein irischer Schriftsteller und setzte niemals einen Fuß auf Transylvanischen Boden. Seinen Schauerroman "Dracula" ließ er 1897 einfach nur dort spielen, weil's wohl weit genug weg war vom kultivierten britischen Imperium. Den Namen mopste er Fürst Vlad III. Drăculea, der den Beinamen "der Pfähler" trug. Blut getrunken hat er wohl nicht, aber es großzügig vergossen. Sein Vater war Mitglied ihm Drachenorden und so bekam Vlad auch den Namen Drăculea ("Drachensohn") in die Wiege gelegt.

Räuber und Alptraumwesen

Stoker schlampte zwar bei der Geographie (setzte steile Grate in sanfte Regionen der Karpaten und klebte ein Schloss dran), wühlte aber genau in den Mythen zu den Blutsaugern. Blut, Atem, Wärme - all dies unterscheidet die Lebenden von den Toten. Wie erzeugen wir Grusel? Wir stellen uns vor, dass uns jemand eines dieser Dinge (oder alle drei) rauben möchte. Legenden über solche Geschöpfe finden wir in fast allen Kulturen und weit in die Vergangenheit zurück. Schon Geschichten aus babylonischer Zeit berichten von blutsaugenden Dämonen. Indische Vetala bemächtigen sich toter Körper, verwandeln sie in riesige Fledermäuse und jagen damit nach Blut. Die japanische Schneefrau verführt Wanderer und raubt ihnen beim Sex die Körperwärme. Die Malaysische Penanggalan ist tagsüber ein Mensch, nimmt nachts ihren Kopf ab und geht mit offenen Hals, aus dem eine lange Zunge quillt auf die Jagd. Der Alp aus der mittelalterlich deutschen Folklore setzt sich des Nachts auf die Brust schlafender Frauen und drückt ihnen die Luft ab und manche naschen auch Blut aus der Brust. Dank Tarnkappe werden sie unsichtbar. In slawischen Überlieferungen gibt es Wiedergänger, die keine Knochen mehr haben, aber ebenfalls hinter unseren Lebenssäften her sind.

Mach das Monster menschlich - und es wird spannend

Der Originalmythos ist also ein bisschen eklig. Ein Monster ohne Knochen, ein blutgefüllter Hautsack, das will doch keiner sein. Ein Formwandler wie ein Alp ist schon besser, wenn nur nicht die dämliche Mütze wäre. Also nehmen wir doch einfach die nervigen Attribute weg und geben dem Untoten auch wieder Knochen. Fertig ist der Vampir. Und dessen Existenz hat Vorteile: Ein Vampir wird nicht alt, er schläft den ganzen Tag und die Nacht gehört ihm. Perfekt! Wenn man dafür nun auch noch nicht total entstellt sein muss ... Bram Stokers Dracula verhält sich zu den Figuren aus dem slawischen Aberglauben wie Glitzervampir Edward zu Dracula: Vor Dracula hatten Vampire immer einen körperlichen Schaden wie zum Beispiel eine Hasenscharte. Bei Bram Stocker hat er lediglich eine Hakennase - und haarige Handflächen. Letzteres fiel ziemlich bald unter dem Tisch, wohl auch, weil die damit verbundene sexuelle Assoziation verloren ging. Ja, Dracula stand in seiner animalischen Anziehungskraft natürlich auch für Sex. 20 Jahre vor Stoker hatte übrigens eine lesbische Vampirin ihren großen Auftritt. Carmilla hieß sie, erfunden hat sie Joseph Sheridan Le Fanu 1872. Ausgesprochen wurde es zwar nicht (es waren prüde Zeiten), doch das Verhältnis zur weiblichen Hauptfigur war sehr ... innig. Damit haben wir: Urangst (Blutsauger) plus Sexappeal plus ein Leben in Verdammnis, das aber seine Vorteile hat. Ergebnis: Ein Monster, das zu unendliche vielen Geschichten taugt.

Das Spannende ist ja nun, dass Vampire menschlicher wurden. Man kann mit ihnen reden, man kann versuchen, sie zu retten (das interessierte oft das weibliche Publikum) oder man hatte einen hochkultivierten Gegner. Bela Lugosi und Christopher Lee prägten in den Dracula-Filmen unser Bild vom geradezu edlen Monster. Die 80er brachten uns die ersten Draufgängervampire in Gestalt der "Lost Boys", Teenager, die ihr dämonisches Wesen genießen und in Lederklamotten verwegen aussahen. Nicht vergessen dürfen wir natürlich Vampir Lestat, aus der Feder von Anne Rice. Rices Vampire waren alle überirdisch schön, erotisch (auch wenn sie selbst keinen großen Spaß am Sex hatten, mehr am sich gegenseitigen Füttern mit Blut) und ganz tragisch gelangweilt von ihrer Unsterblichkeit. Edelster Kitsch, aber in der Verfilmung mit Tom Cruise, Brad Pitt und Kirsten Dunst ein Renner.

Vampire in der Popkultur

Und dann musste es natürlich irgendwann man irgendjemand übertreiben. Ja, die Rede ist von "Twilight". Die Vampire dieser Serie sind alle atemberaubend schön, haben sogar bezaubernden Mundgeruch sowie eine perfekte Handschrift, werden niemals müde, haben übermenschliche Reflexe und keine Schwächen. Sonnenlicht lässt sie glitzern und die Blutlust können sie auf andere Ziele umtrainieren. Achja: Jeder Vampir hat dazu noch seine eigene ganz persönliche Superkraft. Hier erreicht die Entwicklung ihren Schlusspunkt. Vom unförmigen Blutsack zum unschönen aber faszinierenden Grafen und übermenschlich schönen, erotischen Monstern zu liebevollen Glitzerwesen mit schlechten Tischmanieren. So keusch allesamt, dass sie dem Vatikan Tipps geben könnten. Was haben wir vergessen? Irgendwo sollten sie doch noch Monster sein - und nicht nur darüber klagen, wie verflucht sie doch seien - und irgendwo muss eine Figur auch mal eine Schwachstelle haben, sonst werden sie langweilig. Vampire sind schwer umzubringen, das stimmt. Wenn man sie aber nicht mehr töten will, sind sie als Figur sinnlos.

"Twilight" ist aktuell die grellste Version der modernen Vampire. Erfolgreich sind sie auch in anderen Geschichten, die etwas geschickter mit dem Mythos umgehen. "True Blood" ist eine erfolgreiche Serie über eine Welt, in der dank Kunstblut ein Zusammenleben zwischen Mensch und Vampir möglich - wenn auch nicht unproblematisch ist, "Vampire Diaries" ist eine Romanze, ähnlich wie "Twilight", doch mit vampirischeren Vampiren - und der schwedische Kinofilm "So finster die Nacht" sowie dessen Remake "Let Me In" zeigt die beklemmenden Seiten, die so eine Romanze mit sich bringt. 100 Jahre nach Tod dessen, der sie salonfähig machte, sind die Vampire also immer noch unter uns, nicht von Blut, sondern von unseren Phantasien genährt.

PS: Bram Stokers Leichnam wurde übrigens eingeäschert. Vielleicht besser so.

In unserer Bildergalerie finden Sie mehr historische und filmische Vampire

PASSENDES IM NETZ
 

Anzeige