SUCHE BEI MAX

HomeCityguidePopkulturLifestyleKreativ
dapd Charlotte Roche

 

Charlotte Roche: Selbsttherapie

In ihrem zweiten Buch "Schoßgebete" zeigt Charlotte Roche eine zartere Seite, fortgesetzte Liebe fürs Provokante und ignoriert darüber leider die Dramaturgie.

Von Martin Haldenmair

Wer den Namen Charlotte Roche noch nie gehört hatte, lernte ihn im Jahr 2008 kennen, als sie ihren ersten Roman veröffentliche. "Feuchtgebiete" hieß er und verursachte einen kleinen Skandal. Es ging darin um eine Frau, die wegen einer Analfissur (und ja, das klingt schlimm und ist schlimm, handelt es sich dabei doch um einen Riss an der Schleimhaut des Afters) im Krankenhaus liegt. Die Zeit der Rekonvaleszenz nutzt sie, um über ihre sexuellen Erlebnisse zu reden und alle damit verbundenen Körperflüssigkeiten zu beschreiben.

War das Pornografie oder Kunst? Auf jeden Fall war es zum Teil autobiografisch, denn Charlotte Roche hat ein wildes Leben geführt. Als Teenager fügte sie sich selbst Verletzungen zu, malte Bilder mit Blut und tat alles, um zu provozieren. Mit 15 Jahren finanzierten ihr die Eltern eine eigene Wohnung und sie zog aus.

Natürlichkeit und Provokation

1998, mit 20 Jahren, fängt sie beim Musiksender "Viva 2" als Moderatorin bei "Fast Forward" an und macht durch ihre unkonventionelle, ehrliche und sehr direkte Art auf sich aufmerksam. Ihre Moderationstechniken bringen ihr 2002 den Bayerischen Fernsehpreis ein, 2004 den Adolf-Grimme-Preis. Die Rebellin wurde also seriös, schreckt aber auch weiterhin nie davor zurück, zu provozieren: Als ihr Serienkonzept "Wahrheit oder Pflicht" keinen interessierten Sender findet, lädt sie die selbstgedrehte Pilotfolge auf Youtube.com hoch. Darin unterhalten sich Promis wie Roger Willemsen über ihre sexuellen Erfahrungen (wir haben die Videos aus dem Netz gefischt).

In ihren Interviews bei "Viva 2" mit den Größen der Musikszene verknüpfte sie rasch ein Thema mit dem nächsten und führte so nicht einfach ein Interview, sondern ein echtes Gespräch. Die gleiche Technik steckt auch in ihren Büchern: Sie beschreibt eine Situation und assoziiert dann frei weiter. Das kann zu monströs-witzigen Gedankenketten führen, birgt aber ein Problem: In den Interviews ging es um andere Menschen. In den Büchern von Roche geht es nur und ganz alleine um die Protagonistin. In ihrem neuesten Roman "Schoßgebete" ist das Elizabeth. Elizabeth ist Anfang dreißig, versucht perfekte Mutter und Ehefrau zu sein, sich selbst zu finden und ein Trauma zu überwinden: Bei einem Autounfall verlor sie - wie die Autorin im Jahr 2001 - drei ihrer Brüder.

Direkt und sich wiederholend

Der Fokus bei "Schoßgebete" ist extrem eng. Nur die Gedanken der Protagonistin, die zwischen düsterster Selbstzerfleischung, erotischer Lust und plötzlich aufflackerndem, entwaffnenden Humor wechseln, führen durch die Geschichte. Dann und wann wirft Roche wieder das Thema Körperflüssigkeiten auf - unser Lieblingswort hier war am Ende "Vaginalschleim - aber wohl eher als Pflichtübungen, um sich selbst treu zu bleiben. Im immer gleichen Stil, in den immer gleichen, kurzen schnörkellosen Sätzen bohren sich die Gedanken der Protagonistin näher und näher an die Ursache ihres Traumas heran. Nur: Es entsteht kein erzählerischer Sog. Der Leser erfährt nichts über die Menschen, die Elizabeth umgeben, nichts, das ein emotionales Interesse an ihrem Kampf mit sich selbst hervorrufen könnte.

Charlotte Roche arbeitet sich an ihrem eigenen Trauma ab, das Buch ist ein ehrlicher Versuch der Selbsttherapie. Das ist interessant und bewundernswert, hat aber keine Dramaturgie.

Mehr Stationen in ihrem Leben sehen Sie in der Bildergalerie zu Charlotte Roche.


1 | 2 | 3 | 4 | 5

vor
PASSENDES IM NETZ
Leser-Kommentare
BEITRAG SCHREIBEN

Überschrift

Name


Ihr Kommentar 
AGB

Beitrag abschicken

Anzeige