Karl Lagerfeld: Narziss und Multitalent
Blass wie Hui Buh das Schlossgespenst und mit einem guten Schuss Narzissmus erkämpfte er sich einen Platz als Unsterblicher im Olymp der Haute Couture. Jetzt feiert Karl Lagerfeld seinen 70. Geburtstag. Oder seinen 75. ... Porträt eines exzentrischen Egos, das sich permanent selbst neu erfindet.
Von Andrea Ege
Auf seiner offiziellen Homepage behauptet er eisern, 1938 geboren zu sein. Dabei ist längst bekannt, dass er am 10. September 1933 in Hamburg zur Welt kam. So oder so: Aus dem kleinen Karl Otto von damals ist eine Ikone geworden - der Mode, der Kunst und der Fotografie. Mehr als das. Karl Lagerfeld ist eine wandelnde Marke. Ein kühl kalkuliertes Produkt.
Als hätte Lagerfeld einst eine Skizze seiner selbst auf ein Blatt geworfen und beschlossen: Das bin ich. Nach außen, natürlich. Hinter der schwarz-weißen Fassade verbirgt sich der wahre Karl Otto, irgendwo. Die Suche nach dem Menschen Lagerfeld gleicht dem Besuch einer Modenschau ohne Licht. Man ahnt, dass sich dort irgendwo jemand tummelt. Die schemenhaften Silhouetten verflüchtigen sich jedoch sofort wieder. Wenn wundert's, bei einem Ego, das sich stets aufs Neue selbst erfindet.
Karl zum Kuscheln
Der Designer beherrscht das Prinzip der Selbstinszenierung par excellence. Wer sich dem Menschen Karl Lagerfeld nähert, prallt ab und wird auf seine Produkte zurückgeworfen: seine Mode-Kollektionen, die Fotografien oder sein neuester Streich, ein Kuschel-Teddy-Bär-gewordener Karl Lagerfeld zum Preis von 1000 Euro. Also hat es sich allgemein so eingeswingt, sich vornehmlich auf seine kreative Laufbahn zu konzentrieren.
Hansdampf in allen Gassen
Bei seiner Karriere legte Lagerfeld eine berauschende Geschwindigkeit vor. Stufe für Stufe arbeitete er sich vom 17-jährigen Newcomer hoch zum weltberühmten "Kaiser Karl". Valentino, Chloé, Chanel, Fendi ... wie Fleißkärtchen sammelte er die Namen der Weltbesten seiner Branche im Lebenslauf. Bis sein eigener den der anderen beinahe überstrahlte.
Was er tut, tut er ganz oder gar nicht. Lagerfelds Fashion-Fanatismus führte soweit, dass er vor 13 Monaten 42 Kilo abspeckte, nur um in die Hosen seines Kollegen Hedi Slimane zu passen. Nebenbei arbeitet er als Kostümbildner, feiert Erfolge als Fotograf, kreiert Parfums und verlegt Bücher.
Doch was machte aus dem Sohn eines Dosenmilch-Fabrikanten die Ikone Karl Lagerfeld? Sein unüberwindbares Selbstvertrauen? Sein Talent? In einem Interview sagte er: "Ich mache gern Sachen, um sie zu machen. Ich hebe nichts auf. Es ist, als ob ich nie etwas getan hätte." Vielleicht ist dies der wahre Schlüssel zu seinem Erfolg: Dinge so zu tun, als würde man sie immer zum ersten Mal tun. Mit Herzblut und Hochachtung. Das Gestern besitzt keine Bedeutung.
Lesen Sie im zweiten Teil des Porträts, warum Kaiser Karl männliche Models hasst und ein bekennender Fan des rabiaten Adeligen Ernst August von Hannover ist.
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