Reamonn: Das Bordsteinduell
Eine halbe Stunde Zeit, eine Gitarre und eine Frage: Wer sammelt in der Fußgängerzone mehr Geld? Weltstar Rea Garvey (Reamonn) oder Newcomer Paul Walsh (Royseven)?
Idee: Julia Kissina, kunsthalle-zoo.de
Text: Alain Bieber
"Wahrscheinlich bekomme ich gar nichts. Die Leute denken bestimmt: Der hat genug Kohle, der Wichser!" Rea Garvey ist erkältet. Seine Stimme klingt heiser. Rea, 33, Sänger und Frontmann der Band Reamonn, sitzt im Auto, starrt auf die Straße und versteckt sein Kuschelrockerherz unter einer schwarzen Lederjacke. Armyhose, Kapuzenpulli und blonde Mähne betonen den harten Kern. Seine Gitarre liegt griffbereit im Kofferraum. Mit ihr hat er in Hamburg gespielt. In der ausverkauften Color-Line-Arena, vor fast 10000 jubelnden Fans. Sein letztes Album "Wish" erhielt Platin. Er stand mit Robbie Williams und Nelly Furtado auf der Bühne. Und jetzt ist Rea auf Europatournee. Vorgestern Athen, morgen Amsterdam und heute: die Heidelberger Fußgängerzone.
Wir rattern über das Kopfsteinpflaster, malerische Fachwerkhäuser fliegen an uns vorbei. Heidelberg ist schön. Schön langweilig. Heidelberg ist Altstadt, Neckar, Schlossruine. Und eine dieser Städte, von denen man niemals glauben würde, dass man plötzlich einem Superstar begegnet. Heute abend spielt Rea hier für die VW Soundfoundation. Zusammen mit dem Newcomer Paul Walsh, 29, und seiner Band Royseven. Rea ist der Pate und Paul sein Zögling. Er hat ihn in Irland entdeckt und seiner Plattenfirma empfohlen. Sie sind Freunde. Aber gleich wird ihre Freundschaft auf die Probe gestellt. Denn es geht um ein Duell, um Geld und Stolz.
Beide haben 30 Minuten und eine Gitarre, um den Passanten das Kleingeld zu entlocken. Wer wird in dieser Zeit mehr Geld sammeln: Der weltbekannte Popstar oder der unbekannte Newcomer?
Rea und Paul sind bescheiden. "Bestimmt gewinnt Paul", meint Rea noch im Hotel. "Ich glaube nicht, dass ich eine Chance habe", sagt Paul. Aber die Herausforderung hat ihren Ehrgeiz geweckt.
Beide sind aus Irland. Und Iren sind bekannt für ihren Stolz. Sie sind stolz auf die 40 verschiedenen Grüntöne ihrer Insel, auf das Guinness und den Whiskey, auf das Stepptanz-Musical "Riverdance" und ihren blinden Harfenspieler Turlough O'Carolan. "An deiner Stelle würde ich mich anstrengen", ruft Rea Paul zu, als wir uns auf den Weg in die Fußgängerzone machen. "Mit dem Geld bezahlen wir heute das Hotel". Die Suite im Heidelberger "Marriott" kostet 790 Euro pro Nacht - da wird eine halbe Stunde Straßenmusik wohl nicht ganz reichen.
Machen erst Allüren den Star? "Wenn du heimkommst, brauchst du die Gewissheit, dass es irgendwo da draußen Leute gibt, die aus Cowboystiefeln Champagner trinken, während sie sich von Kronleuchtern schwingen", meinte Oasis-Frontmann Noel Gallagher in einem Interview. Deshalb sind die Verbalattacken der Popstars, ihre Sucht, Dinge zu zerstören (Garderobe, Hotelzimmer) oder ihre exzentrischen Sonderwünsche meist noch berühmter als ihre Musik. Und vielleicht war es deshalb auch so schwierig, einen Star zu finden, der den Weg von der Skyline zum Bordstein zurück wagt. Yvonne Catterfeld wollte lieber PR-Bilder auf den Gräbern ihrer Idole produzieren, als sich singend in die Fußgängerzone zu stellen.
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Leser-Kommentare (3)
Tolle Idee
Gratulation der Redaktion zu der tollen Idee. Kein Wunder, dass Paul gewonnen hat. Der singt einfach besser, sorry Rea.






