Radiohead: Das Experiment
Die Internet-Veröffentlichung des neuen Radiohead-Albums sorgte in der Branche für Furore. Frontmann Thom Yorke versteht die ganze Aufregung nicht.
MAX: Thom Yorke, das neue Album von Radiohead, "In Rainbows", wurde im Oktober zuerst im Internet veröffentlicht und die Fans konnten wählen, ob sie dafür bezahlen oder nicht. Eine Aktion, die von der Industrie heftig kritisiert wurde. Wollten Sie damit bewusst provozieren?
Thom Yorke: Niemals! Es war ein Experiment für uns. Wir wollten damit keineswegs der Musikindustrie schaden. Aber was soll die Aufregung? Der Branche geht es immer noch gut - auch ohne uns. Sie hat nur Probleme, diesen klassischen Service zu leisten. Nämlich einen physikalischen Tonträger in ein Geschäft zu stellen und ihn entsprechend zu bewerben. Deshalb würden wir auch nie wieder einen 5-Alben-Vertrag unterschreiben. Das ist überholt. Seit zehn Jahren kommt unser Manager zu uns und sagt: "Da ist jemand Neues an der Spitze der Plattenfirma. Und diesmal kommt er aus der Zahnpasta-Industrie." Das ist bei diesen großen Firmen inzwischen völlig normal. Das kann nicht gesund sein.
MAX: Warum haben Sie den freien Bezahlmodus gewählt?
Thom Yorke: Wenn man das Album downloaden wollte, musste man auch den Teil mit den persönlichen Angaben ausfüllen. Eine Frage lautete, was Musik eigentlich wert ist. Das war es, was wir von den Leuten wissen wollten.
MAX: Was ist Musik wert?
Thom Yorke: Jeder sagt etwas anderes. Der Wert von Kunst ist relativ. Aber wenn du in einen Plattenladen gehst, kostet alles dasselbe. CDs, die nichts taugen, sind genauso teuer wie ein Album von Bob Dylan. Da stellt sich doch die Frage: Ist das richtig so?
MAX: Und, haben die Leute für "In Rainbows" bezahlt?
Thom Yorke: Die Ergebnisse sind ziemlich verrückt. Am ersten Tag haben zum Beispiel nur 30 oder 40 Prozent bezahlt. Und am Ende der Woche waren es dann 60 Prozent. Ich kenne zwar die aktuellen Zahlen nicht, aber ich weiß, dass es ungefähr zwei Millionen Downloads sind. Das entspricht ungefähr der Menge, die wir in den Läden verkauft hätten. Außerdem haben wir 70 000 Bestellungen für das Boxset, und das ist eine Menge.
MAX: Die Aktion hat sich also gelohnt?
Thom Yorke: Definitiv. Sie hat gezeigt, dass wir verantwortungsvolle Fans haben, und auf diese Weise genauso viel umsetzen können wie auf dem konventionellen Weg.
MAX: Ist die Veröffentlichung im Internet für Musiker ein Geschäftsmodell der Zukunft?
Thom Yorke: Für uns ist es kein langfristiges Modell. Es ging uns lediglich darum, die Musik den Fans schnell zugänglich zu machen. Hätten wir das Album im August dem Label übergeben, wäre es wahrscheinlich nicht vor Januar auf den Markt gekommen. Nachdem wir zwei Jahre daran gearbeitet hatten, wollten wir nicht länger warten. Wir wären verrückt geworden.
MAX: Es gab Kritik an der Qualität des Downloads. Die Auflösung wäre zu schlecht, und es wäre eine Marketing-Idee, um den Kauf des herkömmlichen Tonträgers anzukurbeln.
Thom Yorke: Blödsinn. Die Kritik kommt von Leuten, die zu viel Geld für ihre Stereoanlagen ausgeben. Unser Anspruch bestand darin, es einfach ein bisschen besser als iTunes klingen zu lassen. Und zwar mit einer vernünftigen File-Größe, die relativ problemlos downzuloaden ist. Die Qualität ist immer noch besser als die von iTunes. Und da kostet das Album-Download 9,99 britische Pfund.
MAX: Und warum jetzt noch eine Veröffentlichung als CD?
Thom Yorke: Das Album hat einen besseren Sound, und man bekommt das komplette Paket mit Artwork, Texten und anderen Infos.
MAX: Wie hören Sie Musik?
Thom Yorke: Ich habe mir gerade die komplette DJ-Playlist aus dem Internet von einer Techno-Website runtergezogen. Da kannst du dir verschiedene DJ-Podcasts runterladen. Zudem schwöre ich auf den Apple-iPod-Shuffle-MP3-Player. Das ist der beste, den die Firma je gemacht hat. Ein Klassiker.
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