Christian Scott: Was ist "Stretch Music"?
"Stretch Music" nennt der geniale Trompeter Christian Scott seinen Jazz-Stil auf seinem Album "Christian aTunde Adjuah". Wir hören genau hin und durchstöbern eine Schatzkammer experimentellen Jazz'.
Von Martin Haldenmair
"Christian aTunde Adjuah" ... manche Künstler machen es einem auch wirklich nicht leicht. Und ja, das das erste "a" in "aTunde" gehört klein. Was soll man überhaupt von einem Album erwarten, das "aTunde Adjuah" heißt? Befürchtungen, ganz unerträglich harmonische Weltmusik aus Hanfinstrumenten mit viel Händeklatschen zu hören steigen auf, als wir die CD einlegen. Doch sie sind schnell zerstoben, als aus den Lautsprechern, kompromissloser experimenteller und doch zugänglicher, jugendlicher und absolut reifer Jazz dröhnt. "Christian aTunde Adjuah" ist das neue Albums von Christian Scott - und wir ärgern uns nun, dass wir bisher nichts von dem genialen Jazztrompeter gehört haben.
CD: Jazz
Christian aTunde Adjuah
Christian Scott
Veröffentlichtung: 22. Juni 2012
Tracks: 23 (2 CDs)
Label: Concord (Universal)
Bewertung: ![]()
Was ist modernder Jazz?
Christian Scott, Jahrgang 1983 aus New Orleans Louisanna covert mit seinen Jazz-Tönen schon "Eraser" von Radiohead. Wie geht Jazz auf einem Song, der nicht swingt? Mit einer exakt aufeinander eingespielten Band: Klavier, Bass und Schlagzeug nehmen die Rhythmen und Schleifen des Originals auf - und darüber kann der Trompeter improvisieren und reine Emotionen in Töne fassen. Jazz ist dann besonders lebendig, wenn er aktuelle Einflüsse aus der Musik in sich aufnimmt und am stärksten, wenn er sich an den Gefühlen der unmittelbaren Gegenwart entzündet. Christian Scotts Jazz ist daher geradezu radikal modern, manchmal mit ganz un-jazzigen Tönen, doch eben zugleich verwurzelt in der Tradition, die Zeit musikalisch zu kommentieren. Radikal, traditionell und etwas sentimental - echter Jazz eben. "Christian aTunde Adjuah", um endlich wieder diesen Titel schreiben zu können (und die Schlussredaktion zu nerven) enthält keine Covers, sondern nur von Scott komponierte Songs. Zwei Stunden sind auf der CD-Sammlung versammelt. Wer sich das alles am Stück anhören will, muss sich auf eine Tour de Force gefasst machen, auf endlose Variationen, Erfindungen und Spielereien. Eine lohnenswerte Toru zwar, doch wird der Zuhörer, der dazwischen auch mal eine Pause einlegt den Songs gerechter.
Stretch Music
Der Titel setzt sich aus Scotts Vornamen und zwei Orten in Ghana zusammen, dem Land seiner Vorfahren . Einige Songs spielen in ihren Titeln auf aktuelle Ereignisse an, wie "Danziger", der an die "Danziger Bridge" erinnern soll, auf der während der Überschwemmungskatastrophe von New Orleans 2005 Polizisten auf Zivilsten schossen. Andere wie "Spy Boy Flag Boy" nehmen auf kulturelle Eigenheiten seiner Stadt Bezug. Scott präsentiert sich auf dem Cover im Gewand der "Black Indians" seines heimatlichen New Orleans. Das Album ist also auch ein politisches Programm, das versucht, alle musikalischen Einflüsse seiner von so vielen Kulturen geprägten Heimatstadt zu umarmen. "Stretch Music" nennt er daher diese Richtung. Die Konventionen des Jazz will er soweit ausdehnen, dass darin alle Genres ihren Platz finden. Am stärksten hörbar sind die Wurzeln des New-Orleans-Jazz, ihnen müssen sich die kleinen Anleihen aus Hiphop, Afrorock und Funk am Ende alle unterwerfen.
Der Jazz funktioniert in dieser "Stretch Music" als kraftvolle Klammer. Die anderen Genres blitzen unerwartet auf, kommen meist über das Klavier in den Song hinein und werden dann mit sanftem Nachdruck verjazzt. Der Song "Kuro Shinobi" (dessen Titel nach etwas verunglücktem Japanisch klingt) beispielsweise startet mit einem typischen Duell zwischen Schlagzeug und gezupftem Bass - und plötzlich kommt das Klavier mit einer Peanuts-artigen Melodie vorbei. Bevor wir uns ganz dem Preisen des Trompeters hingeben, sollten wir an dieser Stelle unbedingt die Band erwähnen. Matthew Stevens an der Gitarre, Lawrence Fields am Klavier, Kris Funn am Bass;, Jamire Williams an den Trommeln, Louis Fouche am Alt-Sax, Kenneth Whalum am Tenor-Saxophone und Corey King an der Posaune. Funkige Klavierläufe wie in "Cumulonimbus", das Zwiegespräch Klavier, Schlagzeug und Bass in "Who They Wish I Was" oder die überraschende E-Gitarren in "Away" machen dieses Album ebenso hörenswert wie Scotts Trompete.
Flüstertrompete
Nun also endlich zur Trompete auf "Christian aTunde Adjuah". Scott hat einen eigenen Stil, den er "Whisper Technique" nennt. Stimmlos sind die Töne dann, rauchig und etwas verwischt. Sie erinnern an Experimentelles wie die Jazz-Elektro-Fusionen von Nils Petter Molvær. Diese "Flüstertechnik" wechselt mit scharfen, klaren Tönen - alles Nebulöse und Meditative verschwindet in einem Augenblick und löst sich im nächsten Takt wieder im Trompetengeflüster auf.
"Christian aTunde Adjuah" ist eine ungewöhnliche und mitunter anstrengende Sammlung von hochmodernem, in den Traditionen verwurzeltem Jazz. Wer sie genießen will, muss bereit sein, sich ganz auf die vielen kleinen Variationen einzulassen - und wird dann von der neuen Jazzwelt mit mal rauchigen, mal klaren Tönen nicht enttäuscht sein.
Mehr vom Künstler sehen Sie in unserer Bildergalerie von Christian Scott. Wie das Album entstand, erzählt Christian Scott im Video.
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