Blumentopf: Vom Wir-Virus infiziert
Seit achtzehn Jahren steht "Blumentopf" in Baggy-Pants auf der Bühne - für Freestyle-Sessions und tiefgründigen Hip-Hop. MAX Online sprach mit der Crew auf der "Ihr & Wir"-Tour über Luxus, Gangster-Rapper und ihre Karriere.
Von Veronika Schaller
Es ist wie auf einer Zeitreise. Die meisten der tausend Anwesenden hier tragen ihre Hosen zehn Jahre tiefer als es angesagt ist. Aber das macht nichts. Sobald DJ Sepalot die ersten Beats durch die Boxen der Münchner Muffathalle jagt und die Blumentopf-Crew auf der Bühne zu rhymen beginnt, werfen sich auch bei textunsicheren Röhrenträgern die Arme von selbst in die Luft. Sofort macht sich "Wir"-Gefühl breit, wie es die Band im Song "Wir" des aktuellen Albums Wir beschreibt.
Hinter diesem "Wir-Virus" infizierendem "Wir", gegen das anscheinend wirklich "kein Wirkstoff wirkt" stecken Roger Manglus alias Roger, Bernhard Wunderlich alias Holunder, Cajus Heinzmann alias Cajus, Florian Schuster alias Schu und Sebastian Weiss alias Sepalot. Die fünf Münchner gründeten 1992 Blumentopf und avancierten zu einer der wichtisten Rap-Kombos Deutschlands.
"Wir haben uns beim Skateboard-Fahren kennen gelernt, Run DMC auf Kassette gehört und irgendwann einfach drauflos gerappt", erzählt Cajus. "Dann haben wir Freestyle-Pausen bei Konzerten genutzt, bis wir irgendwann selbst auf einem Flyer standen", ergänzt Holunder. Was dann folgte - nämlich fünf Alben, ausverkaufte Tourneen, "Raportagen" über die Fußballländerspiele auf ARD und ZDF, Platz vier beim Bundesvision Song-Contest 2010, sowie unzählige Headliner-Auftritte bei Festivals - können die Mittdreißiger immer noch kaum fassen. "Wir hatten keine Träume in diese Richtung, sondern einfach nur Spaß am Rap. Denke ich darüber nach, bin ich immer noch euphorisiert", sagt Roger.
Heimspiel
Euphorisiert und aufgeregt sind sie auch noch vor Gigs in ihrem "Wohnzimmer" Muffathalle, obwohl sie hier als Teenager "jeden Donnerstag bei der besten Hip-Hop-Party der Stadt waren und sicher schon zwölf Mal auf der Bühne standen", so Holunder. "Aber bei Heimspielen zählt jeder Treffer doppelt", erklärt Roger. "Wenn Freunde und Eltern da sind, will man besonders gut sein. Sollte mir allerdings die Stimme versagen, kann ich mich auf mein starkes Team verlassen. Das ist cool." Für seine Konzerte mit langen Freestyle-Sessions (2009 gab es sogar eine ganze Freestyle-Tour) ist der "Topf" in der Szene bekannt, zwei Mal wurde er von der Hip-Hop-Zeitschrift "Juice" bereits zur besten deutschen Live-Band gekürt. "Es ist schon Luxus, dass ich ausleben kann, was mich interessiert. Aber beste und reichste deutsche Live-Band wäre mir noch lieber", scherzt Roger. Tatsächlich kann die hallenfüllende Crew noch keinen einzigen Top-Ten-Hit verzeichnen ...
Wir
Blumentopf
Label: Virgin (EMI)
VÖ: Juni 2010
Tracks: 15
Mit "Solala" landete sie auf Chart-Rang 45 - ihre bisher beste Single-Platzierung. Da sich aber ihre Alben in den Verkaufslisten ganz oben einreihen und sie laut Cajus "völlig unabhängig davon sind, ob Hip-Hop gerade Trend ist oder keine Sau mehr interessiert", können ihnen auch Gangster-Rapper wie Sido oder Bushido egal sein. "Jeder soll machen und hören, was er für gut hält.", erklärt Holunder. "Wir sind auf keinem missionarischen Trip, auch wenn wir dem Ganzen eine Alternative entgegen setzen wollen."
Das tun sie mit gesellschaftskritischen Themen (z.B. "Wahlwerbespot", ein Aufruf zur Stimmabgabe) und doppeldeutigen Wortwitzen (z.B. "Manchmal ist alles eben mehr so: wie ‘ne Lichtgestalt, die Schatten boxt" aus dem aktuellen Song "Solala") - seit achtzehn Jahren. "Ich glaube wir dürfen uns jetzt offiziell volljährig fühlen", witzelt Holunder. Dass sie erwachsen geworden sind, merkt man laut Cajus "wohl daran, dass die Ehefrauen und Kinder mit Holunder und Sepalot skypen. Oder dass ich mir meine Kräfte beim Feiern besser einteile." Also nichts mehr mit Sex, Drugs & Rap? Cajus: "Na ja, manchmal stürze ich so ab, dass ich mir nachher nur denke ‚mei, oh, mei, oh, mei'". Roger: "Er hat einfach mehr Kräfte, wollte er sagen."
Auch wenn die einen Familie haben und die anderen ihr Single-Leben feiern, herrscht immer noch Harmonie in der fahrenden Männer-WG. "Auf Tour haben wir die beste Zeit", sagt Holunder, der nebenbei als Physik-Professor an der Technischen Universität München arbeitet. Cajus ergänzt "Zusammen mit dem Bus rumfahren, Städte ansehen und abends rocken. Das ist wie Ferienlager!" Ein Ferienlager mit vielen alten Freunden in Baggy-Pants und neuen Fans in Röhrenhosen.
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