HomeCityguidePopkulturLifestyleShop

 

Universal Alice Francis

 

Alice Francis: So  schick  und  modern  kann  retro  sein

Als Miss Flapperty bringt Sängerin Alice Francis die 20er Jahre zurück. "St. James Ballroom" heißt ihr Album und ihr Programm, auf dem sich Rhythmen der 20er mit elekronischen Beats mischen. Im Interview erklärt sie uns, wie Mann und Frau sich richtig steilen und wie ihre Musik funktioniert.

Von Martin Haldenmair

Wir treffen Alice Francis in der Früh auf der Straße vor einem Café, in dem wir eigentlich das Interview führen wollten. Es ist ziemlich klar, dass sie es sein muss, denn sonst sind keine Menschen mit Glockenhut und Fransenkleid unterwegs. Da unser angepeiltes Café geschlossen hat, suchen wir uns ein anderes. Dabei ziehen wir die Aufmerksamkeit der Passanten auf uns.

MAX Online: Es kommen schon ein paar Blicke von den Leuten, wenn du in dem Outfit unterwegs bist. Sprechen dich auch manche an?

Alice Francis: Das kommt vor, selbst in Berlin, wo ja genug schräge Vögel unterwegs sind. Erst kürzlich ist es in Köln passiert, da kam jemand und meinte 'Toll! Wo hast du das Kleid her?'

Ich hätte jetzt eher gefragt, wo du den Hut her hast. Gute Hüte zu finden ist ja nicht einfach.

Francis: Den habe ich von Sisley.

Trägst du immer ein 20er-Jahre-Outfit?

Francis: Es ist auf jeden Fall ein Mix. Das Oberteil, das ich jetzt drunter trage ist nicht gerade 20er Jahre, so neon hatten die noch nicht. Ich bin schließlich ein Mädchen von heute und unser Jahrhundert hat viel zu bieten. Es wäre schade, darauf zu verzichten. Der Überwurf ist an die 20er angelehnt, ebenso die Schuhe. Die sind Second Hand, allerdings nicht so alt. Wer gerne wissen möchte, wo ich meine Sachen hole, ich habe einen Fashion-Blog, der heißt einfach Alices Fashion Blog.

Wie sehen denn die Zuschauer bei deinen Shows aus?

Francis: Die Herren ziehen Fliege an, Hosenträger oder auch Frack. Manche machen's ganz klassisch, manche machen den Twist rein, den ich so liebe. Manche haben so eine Hipster-Sonnenbrille an, das verbunden mit dem klassischen Style, das ist cool. Die Ladys haben dann viel Netz an oder Fransenkleider und tragen Zigarettenspitzen. Die Leute haben richtig Geschmack! Ich komme ja aus Köln, da ist Karneval ganz groß - aber die karnevalistischen 20er - Paletten im Übermaß oder Federboas aus Plastik trägt glücklicherweise keiner.

Kommen die 20er allgemein zurück?

Francis: Dieses Jahr haben einige Designer 20er-Jahre angehauchte Sachen rausgebracht. Zum Beispiel Pros Studio machen Fransenkleider aus Leder. Das ist auch ganz interessant. Oder, Marchesa haben viele Sachen mit Fransen und so wallende, hängende Sachen. Dann gab es "The Artist". Ein Stummfilm im 21. Jhd, das ist auch krass. Jetzt kommt auch noch "The Great Gatsby" raus, oh da freu ich mich so drauf. Ich kenne das Buch und die Erstverfilmung.

Was ist so toll an den Roaring Twenties?

Francis: Ich ganz persönlich mag die Mode und die Architektur, alles dieses Äußere, was man sehen kann. Es war verspielter, detailverliebter. Und dann kamen irgendwann diese sterilen Platenbauten. Die Gebäude damals waren einfach schöner, wer möchte nicht in einem Altbau wohnen? Aber dazu kommt noch - die 20er waren nicht für jeden rosig, aber wir wollen uns ja auch an das Gute erinnern. Es gab die Prohibition, alles war ein wenig verboten, gerade für Frauen war es unerhört, zu trinken und zu rauchen und abends in Jazzkneipen zu gehen. Sie haben es aber dennoch gemacht.

Die Flappers ...

Francis: Genau. Die waren revolutionär und aufsässig. Es war eine Umbruchs- eine Aufbruchsstimmung. Und ich glaube, dass davon heute auch etwas davon in der Luft liegt. Dieser Drang, etwas zu verändern, sich dagegen zu stellen, wie sich alles heute entwickelt. Heute geht alles so schnell. Mit der Globalisierung wird alles etwas unreal, man kriegt vieles gar nicht mehr richtig mit. Als ich klein war, war Afrika - wow! - ein anderer Planet. Jetzt ist es nebenan. Hier geht es uns gut, dort verhungern Leute. Das fühlt sich irreal an.

Die 20er wiederaufleben zu lassen, ist auch nicht grade real.

Francis: Nein. Aber es ist eine Möglichkeit, sich einen anderen Alltag zu schaffen. Unser Motto ist, dass wir den Ballroom mitbringen. Der St. James Ballroom ist ein eigener Raum, den wir geschaffen haben.

Mit dem traurigen Jazz-Song "St. James Infirmary" hat der nichts zu tun, oder?

Francis: Nein. James, weil einer der Produzenten Johan heißt. 2007 als das Projekt gestartet ist, kam das eher so zufällig.

In den 20ern war einiges neu: Weiße schwenkten zu schwarzer Musik wie den Charleston den Hintern, Frauen rauchten ... Wogegen soll man aber heute rebellieren?

Francis: Als Frau kann ich heute machen was ich will, ich kann auch im Bikini über die Straße laufen. Ich kann es schwer beschreiben, aber irgendwas liegt in der Luft. Ich will jetzt nicht ganz ernsthaft werden, aber was ich krass finde, ist zum Beispiel die ganze Überwachung, die im Hintergrund passiert. Jeder kann alles über jeden rausfinden. Wir haben Umweltprobleme. Wenn man mal so genau drüber nachdenkt, sind das heute gar nicht so angenehme Zeiten.

Wie kam es überhaupt zur Idee?

Francis: Das witzige ist, ich habe erst vor einem dreiviertel Jahr erfahren, dass es diese Szene dieses Elektro-Swings gibt. Wir haben uns unabhängig dorthin entwickelt. Johan hat mir seine Beats gezeigt, die er macht - und die haben mir gut gefallen, weil sie nicht so obercool daherkamen, sondern locker und leicht. Und ich habe, wie's grad kam, drüber gesungen. Ich habe einen Hang, jazzig und swingig zu singen - und da haben wir gesagt: Wow, das ist geil. Wir haben es rumgezeigt und die Resonanz war sehr positiv. Er ist nach Weimar gegangen, dann nach Shanghai, wir haben übers Internet zusammen gearbeitet. So war zwischen den Songs viel Zeit und dadurch ist das Album sehr vielfältig geworden. Er hat einige Dinge eingebracht, die er in Shanghai erlebt hat. Waldemar Para, ein Jazzprofessor, mit dem wir zusammenarbeiten hat auch viel eingebracht, der war in Chile und New York unterwegs. Goldielocks ist der Headproduzent, der hat das mit mir zusammen gebündelt.

Und warum nennst Du das "Neo Charleston"? Charleston hat eine kleine Kapelle, fast nur Bläser, kleines Schlagzeug und vor allem das Knallen am High Hat nach den ersten Takten, damit die Leute mit den Beinen wackeln konnten. Das ist bei dir nicht.

Francis: Richtig. Wir sind mehr eine Mini-Big-Band. Wir haben Rhythmen, die sind poppig, kommen aber aus dem Jazz, wir haben Spaß an der Musik. Darum ging es mir bei dem Wort "Charleston". Wir wollen an Tanzmusik erinnern, an die opulenten Zeiten damals, daran, aus sich rauszugehen. Das Gefühl liegt grade in der Luft und wir fangen es ein.

Alice Francis ist mit ihrer "St. James Ballroom"-Tour ab 18. Oktober in Deutschland unterwegs.

Mehr von der Künstlerin sehen Sie in unserer Bildergalerie zu Alice Francis.

Weiterführender Link: Homepage von Alice Francis
Facebook-Seite von Alice Francis
PASSENDES IM NETZ
Leser-Kommentare
BEITRAG SCHREIBEN

Überschrift

Name


Ihr Kommentar 
AGB

Beitrag abschicken
 

Zeit

Heute
Morgen
Dieses Wochenende

Kategorie

Konzerte & Nachtleben
Kunst & Schauspiel
Gesellschaft & Freizeit
ANZEIGE

Shantel - Bucovina Club

25. April 2014,
23:00 Stadtgarten / Köln

powered by openeventnetwork