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Eine dunkle Begierde: Midlife-Crisis  des  Horror-Meisters

Der Meister des Körperhorrors goes Psychoanalyse, Vincent Cassel bewirbt die Polygamie und eine abgemagerte Keira Knightley lässt sich auspeitschen. Was uns sonst in dem aktuellen Cronenberg-Werk "Eine dunkle Begierde" erwartet, erfahren Sie in der neuesten Filmkritik.

Von Verena Orth

Die unerträgliche Vergeistigung des Betrugs

Der Kanadier David Cronenberg hat sich mit Filmen wie "Die Fliege", "Naked Lunch", "Tödliche Versprechen" und "A History of Violence" einen Namen gemacht und wird ob der harten, körperbetonten gross-out-Szenen gerne als "Meister des Körperhorrors" bezeichnet. Nun scheint ihn die Midlife-Crisis gepackt zu haben. Anders lässt es sich nicht erklären, dass der "Meister" den eingeschlagenen Pfad verlässt und sich an einem vergeistigten, dialoglastigen Betrugsgeschichtchen vor dem Hintergrund der Psychoanalyse versucht. Denn nichts anderes ist "Eine dunkle Begierde":

Wenn du zum Weibe gehst... vergiss die Peitsche nicht

Dr. Jungs (Michael Fassbender) Interesse an seiner Patientin Sabina Spielrein (Keira Knightley) ist anfangs rein wissenschaftlicher Natur. Die junge jüdische Russin fühlt sich durch Demütigungen sexuell stark erregt und die Scham über dieses Verhalten hält sie in Spasmen und Anfällen gefangen, die ihr ein normales Leben verwehren, ganz zu schweigen von der angestrebten Medizinkarriere. An ihr kann Dr. Jung, moralisch und finanziell von seiner Frau Emma (Sarah Gadon) unterstützt, die noch rein theoretische Methode seines großen Vorbildes Dr. Sigmund Freud (Viggo Mortensen) ausprobieren. Durch die Psychotherapie genest Fräulein Spielrein innerhalb von 2 Jahren und schwingt sich zu Jungs Assistentin und Vertrauter auf. Es kommt wie es kommen muss: Der Therapeut verliebt sich und wirft - unter dem Einfluss des glühenden Polygamisten Dr. Otto Gross (Vincent Cassel) - seine moralischen Bedenken über Bord und Fräulein Spielrein übers Knie, um ihr mit wohlgesetzten Peitschenhieben Lust zu bescheren. Es spannt sich ein Netz von Schuld, das auch seine Freundschaft zu der Vaterfigur Freud belastet und schließlich zum Bruch führt.

Happy-Hour-Verträge und Overacting

Cronenberg hat hier seine liebsten Schauspieler, die anscheinend immer gleich für mehrere Filme eingekauft werden, um sich geschart. Viggo Mortensen und Vincent Cassel, die alten Haudegen, spielten schon in diversen anderen Cronenberg-Filmen mit. Keira Knightley und Sarah Gadon wurden gleich für das nächste Projekt ("Cosmopolis") verpflichtet, wo sie an der Seite von Robert "kreisch!" Pattinson spielen dürfen. Das einzige für Cronenberg-Fans neue Gesicht gehört Michael Fassbender - einem in Heidelberg geborenen Schauspieler, der seit seiner Rolle als Magneto in "X-Men: Erste Entscheidung" von sämtlichen Postillen interviewt, abgelichtet und besabbert wurde.

Rein schauspielerisch fällt Keira Knightley auf, die für den Zuschauer fast schon körperlich schmerzhaftes Overacting zelebriert und damit doch noch das Thema Körperhorror einbringt. Zwischen knochigem Vogelküken und pergamentpapierumwickelter Vogelscheuche schwankend, ruft die zwar immer schon dürre, aber sonst recht adrette Schauspielerin, regelrecht Ekel hervor. Mit verzerrten Zügen und vorgeschobenem Unterkiefer - der irgendwie an Gigers Alien erinnert - lässt sie respektablen Mut zur Hässlichkeit erkennen. Durchgehend. Fassbender und Mortensen liefern eine gute, wenn auch nicht herausragende Leistung ab. Einziger Lichtblick ist Vincent Cassel, der den Polygamisten Otto Gross so überzeugend (und vielleicht auch überzeugt?) darstellt, dass man sich am liebsten auf des Nachbarn Schoß setzen möchte!

Fazit: Schuster, bleib bei deinen Leisten!

Was gibt es sonst noch zu sagen? Der Versuch, ein recht ausgelutschtes Thema (Moralhaftigkeit versus Ehebruch) durch medizingeschichtliche Authentizität, bekannte Schauspieler, pseudo-philosophische Dialoge und den auffallend brachialen Einsatz dramatischer und bedeutungsschwangerer Wagner-Kompositionen interessant zu machen, schlägt leider fehl. Da bleibt nur, David Cronenberg zuzurufen: Schuster, bleib bei deinen Leisten!

Weitere Einblicke erhalten Sie in unserer Bildergalerie von "Eine dunkle Begierde".

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