Independent Film: "Sagen Sie nicht 'Low Budget'"
Filmpremieren sind immer im größten Kino der Stadt und die Stars laufen im Blitzlichtgewitter in ihren teuren Anzügen und Kleidern über den roten Teppich. Doch so ungewöhnlich der Film "Reality XL" ist, so anders ist auch dessen Premiere im Monopol Kino in München. Wir waren dabei.
Von Simon Heinrich
Ich stehe vor dem Metropol Kino in München und freue mich ihn zu sehen, den roten Teppich. "Hier muss ich richtig sein", denke ich mir und muss dabei schmunzeln. Der Teppich ist rot, das stimmt. Aber die drei Meter, die dort vor dem Kinoeingang liegen, versprühen nicht gerade Glamour und Premierenfeeling. Vor mir geht ein Mann mit Jeans und Wollmütze die Treppe herunter. Er scheint wohl nicht zu wissen, dass hier heute eine Filmpremiere startet mit allen Darstellern. Unten angekommen erkenne ich Heiner Lauterbach unter der Mütze. Spätestens jetzt wird mir klar: Irgendwas hier ist anders als sonst.
Familientreffen am Roten Teppich
Herr Lauterbach wird häufiger mit Heiner als mit seinem Nachnamen angesprochen; hier scheinen sich alle zu kennen. Ich werde das Gefühl nicht los, auf einer Familienfeier gelandet zu sein. Und die Tatsache, dass auch Partner und Freunde der Schauspieler anwesend sind, untermauern diesen Eindruck nochmals. Es ist alles sehr eng, sodass man automatisch mit den Gästen, aber auch den Schauspielern ins Gespräch kommt.
Regisseur Tom Bohn erklärt mir, dass er wohl bei keinem Film so viel gelernt hat wie bei "Reality XL". Schließlich sei er hier Regisseur, Autor und Produzent in einem gewesen und hätte in Bereiche Einblicke bekommen, mit denen er sich vorher niemals beschäftigt hätte. Verabschiedet wird sich mit einem kräftigen Handschlag und einem ehrlichen Lächeln, als seien wir schon seit Ewigkeiten die besten Kumpels.
Nach der Vorstellung treffe ich dann noch den Hauptdarsteller Heiner Lauterbach:
MAX Online: Wie ist es für sie als gestandener Schauspieler, der schon bei einigen größeren Filmen mit gemacht hat, bei einem solchen Low-Budget-Film mitzumachen?
Heiner Lauterbach: Sagen sie nicht Low Budget. Es ist ein Independent Film, also unabhängig. Low Budget ist nicht ganz richtig. Es ist sicherlich auch kein High Budget, aber die Ausgaben sind bisher zum größten Teil zurückgestellt worden. Die Gagen der Crew und auch der Leute für die Spezialeffekte - alle habe gesagt: "O.K., wir warten, bis ihr das Geld eingespielt habt". Low Budget würde ja bedeuten, es sei ein billiger Film. Das ist zwar im Grunde genommen richtig, aber der Laie würde sagen, die haben einen Film ohne Geld mit einfachsten Mitteln gemacht. Das ist nicht richtig. Die Mittel sind wie bei einem normalen Film, nur das sie zum größten Teil eben noch nicht bezahlt wurden.
Die 90 000 Euro, die als Kosten für den Film genannt wurden, sind also nur die unausweichlichen Fixkosten, auf die noch weitere hinzukommen werden?
Lauterbach: Ja, das sind einfach die Kosten, an die man nicht vorbei kommt, Materialkosten, Essen etc. Aber die ganzen Leistungskosten, Kamera, Licht leihen und so, die stellen das alle zurück. Wenn man das alles zusammenrechnen würde, käme man auch wieder auf ein ganz normales Budget
Ist das normal, dass diese Unternehmen bei so etwas mitmachen?
Lauterbach: Normal nicht, aber wenn du sie davon überzeugen kannst, dass es sich für sie lohnt, entweder finanziell oder künstlerisch - dann geht es. Das wird schon immer mal wieder gemacht. Ist natürlich nicht die Regel, das sind ja schließlich alles Geschäftsleute,
Ist es beim Drehen anders, wenn man hier wie sie mit dem Regisseur Tom Bohn befreundet ist und weiß, dass er in der Produktion finanziell mit drinhängt? Strengt man sich dann nochmal besonders an?
Lauterbach: Nein, das würde ich nicht sagen. Entweder man macht etwas vernünftig oder nicht - mehr als vernünftig geht dann nicht. Aber in solchen Unternehmungen wie jetzt, wenn es um Pressetermine oder ähnliches geht, dann tut man schon alles was möglich ist. Ich hätte natürlich schon sehr gerne, dass der Tom sein Geld zurückbekommt. Und nebenbei hätte ich natürlich auch gerne, dass das Team etwas zurückbekommt - und ich vielleicht auch, wäre ja auch nicht schlecht.
War für sie ein großes Plus dieses Films auch die Tatsache, dass das Set nur wenige Kilometer von ihrem Wohnort Starnberg entfernt in Raisting am Ammersee war und sie somit jeden Abend wieder bei ihrer Familie sein konnten?
Lauterbach: Ja, wir hatten auch ein Hotel da, fast alle haben da dann auch gewohnt, auch die anderen Schauspieler, außer Tom, der dort auch wohnt. Ich bin dann aber immer heimgehfahren, das stimmt, das fand ich in meinem Fall ganz angenehm
Sie sind ein sehr physikinteressierter Mensch. Hat der Film ihre Sichtweise darauf ein wenig verändert?
Lauterbach: Natürlich, wenn man sich sechs Wochen mit so etwas beschäftigt, dann verändert das automatisch die Sichtweise ein wenig. Die Leute vom CERN haben das Drehbuch gelesen und fanden es wirklich gut und waren überrascht, wie ein Laie so etwas zu Stande bringt und was der Film über die Physik inhaltlich besagt. Man befasst sich natürlich auch nach dem Drehen viel mit Physik. Aber das soll nichts heißen. Mein Interesse an der Physik ist leider viel größer als mein Wissen.
Das Stück ist ja wie ein Kammerspiel. War das für sie interessant, da sie ja auch vom Theater her kommen, wieder eine Art Theaterstück zu spielen?
Lauterbach: Ja, wobei ich ja immer wieder Theater spiele. Aber in Hamburg habe ich mich nach dem Film mit vier jungen Damen unterhalten, die es toll fanden, wie diese Schauspieler zusammen agiert haben. Da habe ich gemerkt, dass die jungen Leute heute gar nicht mehr gewohnt sind, dass die Darsteller wirklich miteinander spielen. Die turnen ja heute alle nur noch vor dem Bluescreen rum und fliegen durchs Weltall, und es gibt ein paar coole Kommentare, aber dann sind die auch schon wieder weg. Dass die mal so miteinander spielen war für die jungen Leute schon ein Erlebnis. Das war für mich überraschend: So schnell vergeht die Zeit, dass so etwas heute als außergewöhnlich gilt.
Was ich mich während des ganzen Films gefragt habe. Was hat es mit den Pferdelederschuhen auf sich? Ich habe mir lange Gedanken drüber gemacht, es aber einfach nicht verstanden.
Lauterbach: Warte mal, hier sitzt doch der Autor. (Lauterbach ruft Tom Bohn zu sich) Tom, hier möchte ein Herr von der Journaille wissen, ob das mit den Pferdelederschuhen, die im Film mehrmals erwähnt werden, ob das einen tieferen Sinn hat. Tom Bohn setzt sich zu uns
Bohn: Ich war früher vermutlich mal ein Pferd, dem die Haut vom Körper gezogen wurde. Nein, Quatsch! Es sind einfach in dem Film immer wieder seltsame Wendungen und Geschichten vorhanden und es wird immer wieder Neues entdeckt - wir wollten einfach ein paar schräge Momente, die das Dramaturgische in diesem Film nochmal unterstützen und in einen Rahmen setzen.
Die Idee mit dem Blog zum Film, haben da nur Sie, Herr Bohn, daran gearbeitet oder waren die Schauspieler oder andere Crewmitglieder auch daran beteiligt?
Bohn: (Zeigt auf sich und nickt)
Herr Lauterbach, haben Sie Interesse daran, selbst einen Independent Film zu drehen?
Lauterbach: Haben wir gerade fertig gestellt. Ein Gangsterdrama. "Gier" - ein geiler Film. Wird gerade geschnitten. Wir wollten schon immer mal einen Film wie "Good Fellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia" oder so machen, aber das Genre gibt es in Deutschland einfach nicht, niemand dreht hier Gangsterfilme. Das glaubt auch kein Mensch bei deutschen Gangstern, da fängt jeder an zu lachen. Und da haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, dass dem Zuschauer näher zu bringen. Hat zwar einiges mehr an Geld gekostet wie hier jetzt "Reality XL", weil großartige Schauspieler dabei sind und an vielen verschiedenen Orten gedreht wird, aber wieder mit einigen Rückstellungen. Wie sieht sonst noch ihre schauspielerische Zukunft aus, ist da schon was Neues geplant? Lauterbach: Als nächstes spiele ich in Til Schweigers neuem Kinofilm mit, fängt glaube ich übernächste Woche an.
Worum es in dem Film geht und wie er uns gefallen hat, lesen Sie in der Filmkritik zu "Reality XL" auf der nächsten Seite.
Mehr von der Premierenfeier sehen Sie in unserer Bildergalerie.
- Hier können Sie einen passenden und weiterführenden Link zum Thema vorschlagen.
Leser-Kommentare
BEITRAG SCHREIBEN
Film-News
Trailer der Woche
Marvel's The Avengers: Black Widow schlägt zu ![]()
Prometheus - Dunkle Zeichen: Prometheus - Dunkle Zeichen ![]()
Darkshadows: Johnny Depp als Vampir ![]()
Men in Black 3: Men in Black 3 ![]()
Die Piraten - Ein Haufen merkwürdiger Typen: Die Piraten - Ein Haufen merkw ![]()
The Whistleblower: The Whistleblower ![]()
Star Wars 3D: Episode 1 - Die dunkle Bedrohung: Star Wars 3D: Episode 1 - Die ![]()





...mehr




