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Warner Die Vermessung der Welt

 

Vermessung der Welt: Oh,  irre,  sexy  Wissenschaft!

Detlev Buck verfilmt Kehlmanns Bestseller als groteske Liebeserklärung an die Neugier, holpert aber über seine eigene Spielereien.

Von Martin Haldenmair

Das 18. und das 19. Jahrhundert waren wohl keine guten für kluge Geister in Deutschland. Alexander von Humbold und Carl Friedrich Gauß könnten von ihrer Abstammung und ihren Interessen her nicht unterschiedlicher sein, verzweifeln beide schier über die selbstzufriedene Beschränktheit ihrer Zeitgenossen. Ersterer flieht in den Urwald Südamerikas, um ihm mit preussischem Ordnungsfimmel bis zur letzten Kopflaus zu katalogisieren, letzteres flieht im Geiste in seine Welt der Zahlen und erfindet eine neue Mathematik. Klingt nach Nischenkino, doch Buck wirft Gewürze hinzu wie unverkrampften Wortwitz, Insider-Witze und erotische Szenen.

Film: Komödie

Die Vermessung der Welt

Detlev Buck

Kinostart: 25. Oktober 2012

Länge: 100 Minuten

Mit: Florian David Fitz, Albrecht Schuch, Jérémy Kapone, Vicky Krieps, Karl Markovics
FSK: ab 12

Bewertung:


Witz im Schnitt, fehlender Witz auf der Tonspur

Nach "Ruhm" ist dies der zweite Roman von Daniel Kehlmann, der dieses Jahr in die Kinos kommt. Anders als "Ruhm" hat die "Vermessung der Welt" eine durchgehende Geschichte, ähnliche wie "Ruhm" ist auch sie episodisch: Zwei mehr oder weniger fiktive Biografien zweier Forscher, die sich nur ein einziges Mal begegnen. Buck und Kehlmann, die das Drehbuch schreiben, haben den mäandernde Stoff des Originals gezähmt und das Figureninventar reduziert. Die Verbindungen zwischen den Episoden stellt leider ein Erzähler her - ein erzählter Film geht nun mal meist auf Krücken. Der Text ist zwar schön - es ist der Originaltext aus dem Buch - doch das Mittel ist dafür, dass der Rest so peppig und überbordend aus der Leinwand springt, ziemlich bieder.

Daneben gibt es auch sehr geschickte Verknüpfungen, wie Bilder und Sätze, die in verschiedenen Kontexten immer wieder vorkommen und dann jeweils was anderes bedeuten. So macht Alexander seinem Begleiter Bonpland an einer Stelle seiner Expedition Mut, ein Urwald sei schließlich auch nur ein Wald. Später macht sich Gauß über die Expedition mit den gleichen Worten lustig. Über die Farbpalette werden die beiden Welten Deutschland und Südamerika getrennt. Deutschland, das Reich obrigkeitshöriger Toren und debiler Obrigkeit erscheint in Erdtönen mit viel Schlamm, die neue Welt in satten Grüntönen. Mit verspieltem Schnitt wechseln wir zwischen ihnen hin und her und sehen, dass der Urwald und der deutsche Wald nun wirklich nicht viel miteinander zu tun haben.

Überflüssiges 3D

Das ist alles schon sehr gut, doch wollten die Filmemacher wohl noch mehr und darum legt sich der Film selbst ein Bein, denn er ist in 3D. Was soll denn 3D bei so einer Geschichte überhaupt bringen? 3D ist immer noch ein Gimmick, ein nettes zwar, aber es bring inhaltlich nichts. Fliegen Raumschiffe aus der Leinwand, ist das unterhaltsam. Ragt der Zinken eines Gauß zusammenstauchenden Soldaten in den Zuschauerraum, stört das. Und unter uns: Hintern und Brüste funktionieren auch in 2D gut genug als Zuschauermagnet. Ansonsten lenken dreidimensionale Baumstrünke im Vordergrund von der Handlung im Mittelgrund ab.

Mehr Tiefe hätte dafür der gesellschaftliche Kommentar vertragen können: Der Film wechselt zwischen feinsinnigen Sticheleien, leicht absurden Szenen und ziemlich grob burleksen Sketchen, die dann ziemlich vorhersehbar sind. Dass der geniale Mathematiker seine bahnbrechende Idee beim Vorspiel hat und von seiner Frau nackt an den Tisch springt, um sie zu notieren ist so ein Fall oder auch der Zahnreißer, der in einem ziemlich langem Sketch natürlich zuerst den falschen Zahn zieht. Das sind im Grunde Kleinigkeiten, sie sind nur schade, weil der Film sonst so oft gerade das Geniale streift. Sie holen ihn von dem Niveau herunter, das er erreichen könnte.

Der verpasste Geniestreich

Denn es ist sehr viel Geniales drin in "Der Vermessung der Welt": Insider-Gags, die Wissenschaftler und Nerds verstehen werden (wenn neben Ihnen jemand bei der Erwähnung eines 17-Ecks zu lachen beginnt, wissen Sie, dass Sie neben einem sitzen). Groteske Handlungen, die die Figuren mit kaum mehr als einem Brauenheben kommentieren. Überhaupt sind die Schauspieler ein Glücksgriff für den Film. Jérémy Kapone, der Humboldts Begeliter Bonpland spielt, kann allein durch seine Kopfhaltung einen stummen und sehr beredten Kommentar dazu vermitteln, was der Franzose sich gerade über seinen stur-preussischen Freund denkt. Florian David Fitz spielt Gauß in Anlehnung an Russel Crowes Interpretation von John Nash in "A Beautiful Mind" und Albrecht Schuch verleiht in Seitenblicken seinem so verschlossenen und im Grunde recht unsympathischen Aleaxander von Humboldt zartere Facetten.

Für "Die Vermessung der Welt" gilt: Wer diese Welt genießen möchte, sieht sie in 2D, lässt sich einfach auf das bunte Treiben der gebtriebenen Genies an und krittelt nicht lange mit preussischer Kleinkariertheit herum.

Mehr von Bucks Genies sehen Sie in unserer Bildergalerie zu "Die Vermessung der Welt", den Trailer können Sie hier ansehen.

Weiterführender Link: Homepage zu "Die Vermessung der Welt"
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