Atmen: Debut mit Leiche
In zahlreichen Film- und Theaterrollen hat Karl Markovics sein Können schon bewiesen. Mit "Atmen" gibt er jetzt sein Regiedebüt. Ob er selbst aufatmen kann und ob sein Laiendarsteller in der Hauptrolle der Herausforderung gewachsen ist, lesen Sie in der Filmkritik.
Von Alexandra Reinsberg
Roman ist ein Einzelgänger. Wohl auch wegen seiner plötzlichen Wutausbrüche machen die anderen Jungs um ihn einen Bogen. Seine Bahnen im Schwimmbad zieht er alleine. Währenddessen sollte er sich eigentlich Gedanken über seine Zukunft machen, denn nur mit einem Job hat er eine Chance auf vier statt acht Jahre Haft. Roman sitzt wegen Totschlags im Knast.
Er hat keine Perspektive, er kennt nur die immer gleichen Routinen im Heim und im Gefängnis, er ist abgestumpft. Als seine Verhandlung näher rückt, macht ihm sein Bewährungshelfer erneut den Ernst der Lage klar, doch mit Romans Jobwahl hat er nicht gerechnet. Ohne eine Miene zu verziehen legt Roman ihm eine Stellenausschreibung vor - vom Bestattungsinstitut Wien.
Vom Knast in die Gruft
Auch als er den Job bekommt, lässt Roman sich keine Freude anmerken. Bewegung kommt in das sonst gleichgültige Gesicht erst, als er zum ersten Mal wirklich Hand anlegen muss. Mit der Zeit gewöhnt er sich an die Arbeit, sowohl mit den hämischen Kollegen, als auch mit den Leichen. Vom Kühlhaus auf den Tisch, waschen, anziehen, Hände falten, bei Christen wahlweise ein Kreuz dazu legen, ab in den Sarg und wegtransportieren. Als jedoch eine Frau vor ihm liegt, die seinen Nachnamen trägt, bekommt Roman Panik. Er kennt seine leibliche Mutter nicht und befürchtet nun, sie niemals mehr kennenlernen zu können.
Erst die Toten erwecken ihn zum Leben
Durch den Schock aufgerüttelt, beginnt er das erste Mal nach seiner Mutter zu suchen. Bei seinen Nachforschungen stellt sich heraus, dass sie noch lebt und auch in Wien wohnt. An einem freien Nachmittag folgt er ihr ins Möbelhaus. Nichtsahnend testet sie mit ihm Matratzen, als es aus Roman herausplatzt: "Erkennst du mich?" Einige Stunden und Lügengeschichten später stellt Roman ihr außerdem die entscheidende Frage: "Warum hast du mich weggegeben?" Daraufhin erhält er die Antwort, die er nicht hören wollte: "Es war das Beste, was ich je getan habe."
Aufatmen!
Sein Filmdebüt gestaltet Karl Markovics mit viel Gefühl, gerade weil seine Hauptrolle erst wieder langsam lernen muss, genau dieses zuzulassen. Nicht schön, durch sterile Knast- und Bestattungsatmosphäre, dafür aber ausdrucksstark, sind die langen Einstellungen, die der Regisseur für sich sprechen lässt. Er selbst hat bei den Recherchen seinen ersten Toten gesehen. Den Zuschauer lässt Markovics zwischen den Zeilen lesen und fühlen, was die Charaktere nicht zu fühlen vermögen. Vor allem Hauptdarsteller Thomas Schubert beeindruckt durch sein Spiel, das ohne viele Worte auskommt. Aus 300 Kandidaten wählte Markovics bewusst den Laiendarsteller aus, um mit einem authentischen 18-Jährigen zu arbeiten. Auch Georg Friedrich in der Rolle des Bestatters Rudolf Kienast ist mit seinem trockenen Wiener Schmäh sehenswert.
2011 hat "Atmen" schon einige Preise auf Filmfestivals in Cannes, Sarajevo und Zürich abgeräumt. Für den Oscar 2012 geht er als österreichischer Anwärter für den besten fremdsprachigen Film ins Rennen. Für Regisseur Markovics war es das erste und sicher nicht das letzte Projekt. In Frieden ruhen wird er noch lange nicht...
Weitere Eindrücke vom Film gewinnen Sie in unserer Bildergalerie zu "Atmen" und im Trailer.
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