360: Sex, Liebe, Mord und Sentiment
Der Mensch ist für Beziehungen einfach nicht geschaffen, aber weil uns nichts anderes übrig bleibt, versuchen wir es eben immer wieder. Der brasilianische Starregisseur Fernando Meirelles nähert sich dem Thema mit einem versöhnlichen Reigen.
Von Martin Haldenmair
"Reigen" war ein Skandal. Ein Theaterstück des Wiener Dramatikers Arthur Schnitzler geschrieben um das Jahr 1903, dessen Name nicht nach dem Punk klingt, der aus dem Text des Stücks herauskletterte. Zehn Szenen war es nur lang, und die hatten es in sich: Sie zeigen ein Wien, in der jeder sexbesessen war, vom einfachen Soldaten bis zum hohen Herrn, vom "süßen Mädel" bis zur verheirateten Dame. Und nicht nur das: Selbstsüchtig und kalt befriedigten alle ihre Bedürfnisse und gaben sich danach wieder als gesittete Leute. Ein bitteres und auch intelligentes Stück, das wohl heute keinen Skandal mehr verursachen würde - das so aber dennoch nicht verfilmt werden kann. Es ist einfach zu mitleidlos mit den Menschen. Fernando Meirelles' "360" ist um einiges versöhnlicher und angenehmer - aber daher auch etwas zu weich.
Film: Drama
360
Fernando Meirelles
Kinostart: 16. August 2012
Länge: 110 Minuten
Mit: Jude Law, Rachel Weisz, Anthony Hopkins, Ben Foster, Moritz Bleibtreu
FSK: ab 12
Bewertung: ![]()
Eine Affäre geht um die Welt
"Reigen" hieß Schnitzlers Stück, weil wie beim Reigentanz die Partner durchwechselten. Ähnlich, nur auf größerer Bühne als Wien ist es bei "360". Der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles ließ sich von der Struktur des Stücks inspierieren und füllt sie mit sehr modernen Episoden. Aus Bratislava kommt die schöne Mirka (Lucia Siposová), die in Wien als Escort-Service arbeitet.
Ihr erster Kunde soll der britische Geschäftsmann Michael Daly (Jude Law) sein. In der Bar, in der sie sich treffen wollen, ist aber auch ein deutscher Geschäftspartner (Moritz Bleibtreu), vor dem sich Daly keine Blöße geben will. Auch wenn aus der Nacht mit Mirka nichts wird, sieht der deutsche Partner die Gelegenheit, den verheirateten Daly zu erpressen, der im Stress seiner Frau eine liebevolle Telefonnachricht schickt.
Solide Struktur, Auge für Details, doch die Geschichte verläuft sich
Diese Nachricht setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, denn sie bringt seien Frau Rose (Rachel Weisz) dazu, über ihre Affäre mit dem Fotografen Rui nachzudenken. Dessen Freundin Laura wiederum ist enttäuscht auf dem Weg in ihre brasilianische Heimat, bleibt aber auf einem amerikanischen Flughafen hängen und beschließt die Gelegenheit für ein Abenteuer zu nutzen - nicht wissend, dass sich auch ein Sexualstraftäter auf dem Gelände befindet. Über viele Ketten kehren wir wieder nach Wien zurück, wo sich schließlich ein Mord ereignen wird.
Kreuz und quer laufen die Bahnen der einzelnen Figuren und oft beeinflussen sie sich gegenseitig, ohne voneinander zu wissen. "360" ist ein Episodenfilm, der durch diese verknüpfte Struktur nicht auseinanderfällt. Mit kleinen, geschickten Kameraspielereien geht es von einer Episode zur nächsten, ohne dass diese Übergänge aufgesetzt wirken. Der Film ist grundsolide gebaut, hat ein intelligenstes Buch, hinreißende Schauspieler und doch keine Wucht. Um zu erklären warum, müssen wir noch mal kurz Herrn Schnitzler bemühen:
Der Mut, die Figuren nicht zu sehr menscheln zu lassen
Schnitzler blieb auf Distanz. Das verursachte den Skandal - denn auf Distanz waren die Menschen triebgesteuert. Meirelles geht ganz nahe an seine Figuren heran. So erfahren wir, was sie antreibt, wonach sie sich sehen, warum sie Affären eingehen. Sie sind uns alle - bis auf einen unhöflichen russischen Mafiapaten und einen schmierigen Zuhälter - sympathisch. Das macht die Geschichte schon mal verdaulicher. Außerdem zeigt dies, wie gut sich Drehbuchschreiber Peter Morgan und Regisseur Fernando Meirelles darauf verstehen, uns Zuschauern eine Figur mit ganz einfachen Mitteln nahezubringen. Andererseits aber macht dies die Geschichte auch anstrengend: Mit zehn Menschen müssen wir mitfühlen, zehn Menschen, die nur immer für kurze Zeit zu sehen sind.
Meisterlich geschieht das in der Episode in der Mitte, in der Laura (Maria Flor) - wegen schlechten Wetters am Flughafen festsitzend - ausgerechnet den einen Menschen anbaggert, der sich von allen fernzuhalten versucht. Tyler (Ben Foster), ein Sexualstraftäter, der auf dem Weg zur Therapie ist und der auf große Menschenmengen nicht vorbereitet ist. Die Episode ist spannend, und von Ben Foster intensiv gespielt. So intensiv, dass es danach nicht leicht ist, sich plötzlich wieder auf jemand neues einzulassen. Jemand, von dem wir schon ahnen, dass er gleich wieder eine moralisch einwandfreie Erklärung oder Entschuldigung für sein Verhalten in Sachen Liebe mitgeliefert bekommen wird. "360" ist ein Film mit viel Herz, dem zwei Dinge zum wirklich großartigen Film fehlen: Der Mut, seine Figuren etwas weniger menscheln zu lassen und der Verstand, Ausuferndes wegzustreichen.
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