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Timur Vermes: (M)ein  Kampf  -  mit  dem  lustigen  Adolf

Timur Vermes lässt seine Leser in seinem satirischen Hitler-Roman auf dem schmalen Grat zwischen Lacher und Gänsehaut wandeln. Trotz großem Erfolg denkt er mit gemischten Gefühlen über eine Fortsetzung des Bestsellers nach.

Von Oliver Völkl

Er ist wieder da. Timur Vermes hat Adolf Hitler auferstehen lassen und sich mit dem "irren Youtube-Hitler" an die Spitze der Bestsellerlisten katapultiert. Mit dem großen Erfolg von "Er ist wieder da" hat der kreative Schriftsteller selbst nicht gerechnet. "Das war nicht vorhersehbar", sagt Vermes: "Natürlich ist es ein Reizthema, aber, dass über Weihnachten ein satirisches Hitler-Buch zum Verkaufsschlager wird, das hatte wohl kein Mensch vorher geglaubt."

"Er ist wieder da"

Timur Vermes

Verlag: Eichborn

Erscheinungsdatum: 09/2012

Preis: 19,33 Euro

Beschreibung: 396 Seiten

ISBN: 978-3-8479-0517-2


Seit der Erstveröffentlichung am 21. September 2012 gingen 360 000 Romane und 95 000 Hörbucher (gelesen von Christoph Maria Herbst) über den Ladentisch, 30 000 Menschen luden das Werk herunter. Damit ist dem Eichborn-Verlag sogar eine Goldene Schallplatte sicher. "Es ist ein Thema, das alle verbindet", erklärt Vermes. "Über Jahrzehnte hinweg haben wir es erst alle miteinander verschwiegen, dann aufgearbeitet, dann hat's uns alle genervt und dann haben wir darüber gelacht."

Der Plot, den Führer im Jahr 2011 in Berlin zum Leben zu erwecken, fasziniert viele Deutschen ganz offensichtlich. Wie findet sich Adolf Hitler im 21. Jahrhundert zurecht? Wie reagiert das Land auf den bösesten Deutschen aller Zeiten? Die Antworten liefert der 396 Seiten lange Roman: Erstaunlich schnell, beunruhigend gut beziehungsweise erstaunlich naiv, beunruhigend gedankenlos.

"Hitler findet die Ferres toll!"

Die Idee kam Vermes im Türkei-Urlaub, als er dort zufällig auf einem Markt das ihm unbekannte zweite Buch Hitlers entdeckte. "Dann kann ich ja gleich das dritte schreiben", dachte er sich. Die Assoziationen zu einem Führer-Comeback in der Gegenwart sprudelten wie Kohlensäure. "Der findet bestimmt die Ferres toll!", sagt Vermes und muss selbst lachen: "Das ist das schön Fiese an der Hitlerfigur: Was er gut findet, finden wir heute automatisch schlecht. Wenn er aber dasselbe mag oder ablehnt wie wir, muss man doppelt nachdenken. Über seine Meinung und die eigene."

Für die passende Diktion beschäftigte sich der Journalist unter anderem mit Hitlers "Mein Kampf". "Zu denken wie Hitler? Das ging relativ schnell", rekapituliert er.

Der Buch-Autor zwingt den Leser durch die gewählte Ich-Perspektive dazu, sich mit Hitler zu identifizieren. Und der uniformierte Mann mit dem Scheitel und dem Bärtchen kommt trotz seiner beibehaltenen Ideologie aus dem dritten Reich in seinem neuen Umfeld gut an: beim Kioskhändler, im Fernseh-Business und im Internet. Nur mit der "Bild"-Zeitung hat er zunächst Probleme. Bis das Blatt gegen den schlagfertigen Emporkömmling den Kürzeren zieht, denn bei aller Emotionslosigkeit ist der fiktive Hitler witzig - nicht nur im Vorprogramm des türkischen Comedian Wizgür.

Die NPD bezeichnet er als "einen Haufen Waschlappen", die Grünen - abgesehen von Claudia Roth - dagegen findet er sympathisch. Und genau das birgt das Spannungsverhältnis: Darf man mit Hitler lachen? Denn das muss man bei der Lektüre unweigerlich - bis es einem irgendwann im Hals stecken bleibt. Wenn das Monster zum Beispiel feststellt, dass "die Sache mit den Juden" nicht lustig ist. Nur meint er es ganz anders.

Fortsetzung? "Eine heikle Angelegenheit"

Fazit: Der Satire-Roman polarisiert stark, die Reaktionen sind dementsprechend extrem verteilt. "Sie reichen von Zuneigung zum Buch und zur Hauptfigur bis zur kompletten Ablehnung‚ also geht nicht, will ich nicht!", erzählt Vermes. Kritik vom Zentralrat der Juden blieb bisher aus. Dennoch denkt der Schreiber mit gemischten Gefühlen über eine Fortsetzung von "Er ist wieder da" nach. "Der Wunsch danach schmeichelt", sagt er. "Aber es ist eine heikle Angelegenheit." MAX hätte schon einen Titel parat: Er ist immer noch da.

Hier gibt es eine Hörprobe zu "Er ist wieder da"

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