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Von Martin Haldenmair

Es ist schon seltsam mit aufgegebenen Gebäuden: Sie ziehen manche Menschen magisch an. Und so sehr sich Eigentümer oder Behörden auch bemühen, zwei Sorten von Besuchern finden immer ihren Weg dorthin: Fotografen und Graffiti-Sprayer. Erstere schätzen die Melancholie des Ortes, das Licht und die Möglichkeit, in großen Räumen mit verschiedengearteten Wänden zu fotografieren. Fotobände über Industriedenkmäler sind daher meist sehr dick.

Lost in Time

Marc Theis


Verlag: Peperoni Books

Erscheinungsdatum: 2011

Preis: 40,00 Euro

Beschreibung: Marc Theis dokumentiert Formen von Graffiti in zum Abburch vorgesehenen Fabrikhallen. Mit einem erklärenden Nachwort von Boris von Brauchitsch. Unaufgeregt und nachdenklich


Graffiti in aufgegebenen Orten

Letztere sehen in den Wänden, Böden, Trümmern, ja auch den Schaltschränken und Armaturen ihre Leinwand. Und was zeichnen sie auf diese Leinwand? Sind es Schmierereien gelangweilter Geister, Reviermarkierungen oder ist es Kunst? Bücher über "Street Art" oder "Urban Art" tendieren dazu, jedem Leser unbedingt klarmachen zu wollen, dass es sich ganz definitiv um Kunst handelt. Der nun erschienene, schmale Fotoband "Lost in Time" versucht einen anderen Ansatz: Er dokumentiert die Graffitis in einem Industriedenkmal.

Dokumentation in einem Industriedenkmal in Hannover

Die Continental Reifenfabrik in Hannover gibt es nicht mehr. Jahrelang standen die über 30 Hallen des Komplexes leer, seit 2002 werden sie Stück für Stück abgerissen, der Boden wird entgiftet. Neue Wohnhäuser entstehen an ihrer Stelle. 2004 und 2005 machte Fotograf Marc Theis das Gelände unsicher, kurz bevor ein großer Teil der Hallen abgerissen wurde. Im Gegensatz zu den Graffiti-Urhebern hatte er einen Schlüssel. Mit einer Analogkamera dokumentierte er das Graffiti in den Hallen. Aus diesen Fotos setzt sich der Band "Lost in Time" zusammen.

Kommentarlos, rein dokumentarisch zeigen über 100 Fotos die verschiedenen Formen der Graffitis. Von einfachen Kritzeleien über Wandmalereien ist alles geboten: Monster spähen zwischen Türen hervor, in einem alten Waschraum duscht eine nackte Frau, und Abdeckklappen verwandeln sich in Augen. Auffällig ist, wie oft die Sprayer Elemente des Gebäudes auf witzige Weise eingebaut haben: Kleine grüne Männchen vergleichen die Länge ihrer Rohre, zwei Strichmännchen schleppen einen Karteikasten und eine traurige Figur fegt die Trümmer einer kaputten Wand zusammen.

Graffiti in allen Formen

Theis wählt einen dokumentarischen Ansatz, so sind einige der Bilder auf den ersten Blick nicht besonders spektakulär, zeigen sie eben: Hallen mit kaputten Fenstern und Kritzeleien an den Wänden. Doch regen sie dazu an, Fragen zu stellen. Unter Anderem, warum sich Menschen die Mühe machen, unter Schwieirgkeiten in baufällige Hallen vorzustoßen und dort Botschaften zu hinterlassen, die kaum einer sieht. Und die, wäre nicht Marc Theis‘ dokumentarische Kamera gewesen nie wieder jemand sehen würde. "Lost in Time" ist so eine interessante - wenn auch lakonische - Bestandsaufnahme von der Vielfalt von Graffiti und Urban Art.

Einen kleinen Einblick in die nun verschwundenen Spuren der Sprayer erhalten Sie in unserer Bildergalerie zum Fotoband "Lost in Time".

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