Wheelmap: Barrierefreie Kneipen
Angefangen hat es mit einer schlichten Erkenntnis: Als Rollstuhlfahrer ist man immer in den selben Kneipen. "Da muss es doch mehr geben", dachten sich die Macher der Wheelmap. Und siehe da: Sie hatten Recht.
Von Hakan Tanriverdi und Simon Heinrich
Das Internet verändert die Art, in der wir uns organisieren und Ideen umsetzen. Immer wieder erzählen Menschen davon, wie eine simple Nachricht sich zu einer großartigen Aktion entwickelte. Der Kurznachrichtendienst Twitter hat vor Kurzem mit "TwitterStories" ein Projekt gestartet, um Geschichten zu erzählen, die ohne den Service nicht denkbar gewesen wären. Raul Krauthausen (@RAULde ist sein Name auf Twitter) ist dort zwar nicht aufgeführt, aber seine Idee wäre ohne das Internet in dieser Form nicht entwickelt worden. Er ist einer der Gründer von "Wheelmap", einem Dienst, mit dem Menschen mit Behinderung Orte in der Stadt bewerten können; immer unter dem Aspekt, ob man als Rollstuhlfahrer diesen Ort aufsuchen kann.
MAX Online: Wie kamen Sie dazu, Wheelmap zu gründen?
Raul Krauthausen: Ein Freund von mir war es leid, dass wir uns immer im gleichen Café treffen mussten. Weil ich Rollstuhlfahrer bin, ist die Auswahl an barrierefreien Cafés, also Cafés, die auch für Menschen mit Behinderungen ohne Probleme zu betreten sind, sehr gering. Er meinte, ich könnte nicht der einzige Rollstuhlfahrer sein, der dieses Problem hätte. Wir haben angefangen zu recherchieren und festgestellt, dass es zwar Datenbanken zu dem Thema gibt, aber keine, die umfangreich genug wäre und von Menschen mit Behinderung selbst gepflegt wurde. Da haben wir uns hingesetzt und angefangen.
Wie funktioniert die Wheelmap?
Menschen, die selbst betroffen sind, bewerten die Lokalitäten vor Ort. Dazu haben wir ein dreistufiges System entwickelt. Rollstuhlgerecht ist ein Ort zum Beispiel dann, wenn der Eingang und die Räume stufenlos erreichbar sind und es eine Toilette für Rollstuhlfahrer gibt, die deutlich breiter ist als eine WC-Kabine.
Wie erzeugt man Aufmerksamkeit für so ein Anliegen?
Es gibt kein magisches Instrument, mit dem man Aufmerksamkeit generiert. Es hat auch viel mit Glück zu tun. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Vernünftig zu kommunizieren, ohne die Leute zu langweilen, zu überfordern.
Und wie haben Sie das konkret geschafft?
Die meisten Menschen haben wir über Twitter erreicht. Dann haben wir angefangen, Leute zu suchen, die uns helfen, zum Beispiel Android-Apps zu bauen. Als wir eine bestimmte Größe erreicht hatten, haben wir angefangen, Pressemeldungen rauszuschicken. Die Leute haben mit uns online diskutiert, wir haben eine Facebook-Seite gegründet und versuchen, die Leute auf dem aktuellsten Stand zu halten, wenn es etwas Neues rund um das Thema Menschen mit Behinderung zu berichten gibt.
Oft ist es so, dass am Anfang viele mitmachen, aber es dann recht schnell abebbt. Gibt es bei euch einen harten Kern an Leuten, die mitmachen?
Wir haben Entwickler, die wir auch bezahlen, die den Kern der Wheelmap bauen. Android und iPhone App wurden von ehrenamtlichen Entwicklern gemacht. Die motivieren wir, indem wir ihnen von der Wheelmap erzählen, von der Geschichte, der Idee, den Möglichkeiten, die die Karte für Menschen bedeuten kann. Oft reicht das als Motivation. Dann laden wir sie ein und erzählen, wie wir arbeiten. Wenn wir sie nicht kennen, bezahlen wir ihnen den Flug und das Hotel. Und wenn wir Wettbewerbe gewinnen, werden die Entwickler natürlich ebenfalls beteiligt.
Wird die Wheelmap immer noch konstant genutzt?
Ja, die Nutzung ist stetig. Wir haben eine Größe erreicht, wo jemand, der sich mit dem Thema Rollstuhl beschäftigt, nicht an der Wheelmap vorbeikommt, da es dann doch so groß geworden ist. Und da ja die Betroffenen die Orte bewerten sollen, ist es auch ein Tool für die Menschen. Die Leute sollen ja nicht uns helfen, sondern sich selbst. Praktisch wie die Wikipedia. Die wird auch immer voller.
Haben sich auch Barbesitzer gemeldet?
Es gibt Reaktionen von Menschen, die eine Lokalität besitzen und feststellen, dass sie nicht gut wegkommen. Die melden sich bei uns, sie verstehen auch, was wir machen, dass es sinnvoll ist. Aber wir haben da noch keine Lösungen für die Menschen. Daran arbeiten wir gerade.
Inwieweit hat es euch geholfen, dass eure Idee in einem Werbespot für Google Chrome vorgestellt wurde?
Das hat total reingehauen. Wir haben so viel Daten gesammelt wie nie zuvor und haben uns rein zahlentechnisch verdoppelt, ich habe 200 E-Mails bekommen. Also ja, es hat definitiv geholfen.
Was haben die Leute Ihnen geschrieben?
Wir bekommen sehr viel Feedback aus der Szene der Menschen mit Behinderungen. Natürlich gibt es hier und da noch Probleme, dass wir zum Beispiel noch nicht alle Handys bedienen können. Das meiste Feedback, das wir bekommen, ist von Menschen, die dankbar sind für den Service, weil sie jetzt einen größeren Bewegungsradius haben. Aber auch, dass sie gar nicht wussten, wie viele Möglichkeiten sich ihnen in ihrer Stadt bieten.
Welche Städte sind denn am besten koordiniert? Großstädte sind eher erfasst als Kleinstädte, das ist aber auch zu erwarten gewesen. Die genaue Reihenfolge weiß ich nicht, aber Frankfurt, Berlin, München, Hamburg sind weit vorne.
Wenn man in der Stadt weggehen will, kommt man nicht mehr in die Situation, in der Sie sich befunden haben?
Es gibt nie Vollständigkeit, aber das ist ein Zustand, dem wir uns annähern.
Wie ist das im eigenen Freundeskreis? Hat sich Ihr Freundeskreis verändert, haben Ihre Freunde ein Bewusstsein für Barrierefreiheit entwickelt?
Ich denke, so weit würde ich nicht gehen. Ich erwarte, dass meine Freunde Rücksicht nehmen, aber manchmal gibt es Situationen, da geht es einfach nicht. Und dann erwarte ich, dass sie mir helfen. Aber ich wähle meine Freunde nicht danach aus.
Besuchen Sie jetzt andere Bars oder sind Sie weiter in Ihrer Stammkneipe?
Ich habe mein Verhalten auf jeden Fall geändert. Vor allem, wenn ich in anderen Städten bin. Dann starte ich die App und schaue, was es für Bars gibt in meiner Nähe.
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