Social Media: Klick. Klick. Boom: Chronik einer Beziehung 2.0
Wie sehr glauben unsere Freunde Facebook und anderen virtuellen Netzwerken? Unser Autor macht ein Experiment und erfindet eine Beziehung. Die Reaktionen sind überwältigend.
Von Tim Wessling
Es ist ein warmer Sonntag Abend und ich werde mit "Facebook Orte" im Cinemaxx am Isartor in München markiert. "Tim war mit Lea* hier: Cinemaxx", steht dort. Film: "Friends With Benefits". Im Anschluss ein Bier in der Bar vor der Tür. Nett war's. Das Treffen zieht allerdings einen ungeplanten Rattenschwanz hinter sich her. Denn bei Lea* handelt es sich um meine Kollegin aus dem Büro. Wir hören immer wieder, dass unsere Haarfarben doch auch beziehungstechnisch ganz gut harmonieren würden. Wir schmunzeln das in der Regel aber souverän weg.
Am nächsten Morgen sehe ich die Kommentare unter meinem Besuch im Kino. "Verliebt?", lese ich. Auch andere haben sich schon mit einer Liebes-Sensation angefreundet. In der Mittagspause unterhalten wir uns über die Social-Gerüchteküche: "Hast Du's auch gelesen?". "Ja, voll lustig, oder?". Zwanzig Minuten später haben wir uns entschieden: Wir spielen mit. Aber nur online. Die Sache mit den Körperflüssigkeiten ist uns noch nicht ganz geheuer. Außerdem: Auch wenn jemand nachfragt - Klappe halten. Nach der Mittagspause bestätigen wir auf der blauen Plattform unsere Beziehung. Ein Klick. Ein Soziales Experiment. Wir werden sehen. Auf meiner Pinnwand steht: "Tim Wessling ist in einer Beziehung mit ...". Nach zwei Sekunden das erste "Gefällt mir".
Level 1: Büro
Natascha* klopft mir unvermittelt auf die Schulter: "Herzlichen Glückwunsch." Sie grinst. Ich versuche den richtigen Gesichtsausdruck zu finden und bleibe irgendwo zwischen Zähne-Zeigen und "Danke"-sagen stecken: "Hmmankehm!". Ich muss noch lockerer werden. Aber die Zündschnur brennt offensichtlich, und ich beobachte die Reaktionen an den Schreibtischen um mich herum. Wir ernten viele fragende Blicke, andere steigen voll drauf ein. Allen voran der Chef, der mein Social-Schatzi in regelmäßigen Abständen mit Frage-Attacken löchert. Doch sie bleibt stark. Kein Sterbens-Wörtchen außerhalb digitaler Kommunikation. Das ist mein Mädchen! Ich bin herrlich amüsiert und grinse nach Feierabend wildfremde Menschen an. Wundert sich denn hier keiner, dass wir uns noch nicht wild knutschend in die Küche verzogen haben?
Level 2: Freunde
Kurze Vorgeschichte: Vor nicht allzu langer Zeit habe ich meinen Lebensmittelpunkt ans andere Ende von Deutschland verlegt. Das ergibt in meinem Fall auch zwei soziale Realitäten. Neue Welt und alte Welt. Die alte Welt meldet sich per SMS: "Glückwunsch, Alter!" - Danke! Ich find sie auch echt vorzeigbar! "Sag nicht, du willst jetzt ewig in München bleiben!" - Ja schon, aber das ist eine andere Geschichte. Ich verfalle in spontane Lach-Anfälle. Ich dachte, die kennen mich? Ich dachte, die fragen vor den Glückwünschen wenigstens mal nach oder fragen sich, warum sie bisher noch nichts von Tims neuem Glück mitbekommen haben. Erkenntnis des Tages: Was Facebook sagt, ist umso mehr bare Münze, je weiter man von der Statusmeldung entfernt ist.
Die neue Welt hüllt sich allerdings in Schweigen. Ich muss bis zum Abendessen auf eine Reaktion warten. "Wann stellst Du uns denn Deine Freundin vor?", fragt mein Mitbewohner. Na, geht doch! Ich drehe meine Nudeln auf und antworte: "Mal schaun!". Die härteste Prüfung steht mir aber noch bevor: Sie hat die Gestalt meiner besten Freundin und bombardiert mich aus dem fernen Irland mit Nachrichten. Sie wird langsam sauer. Stark bleiben, Tim. Nicht aus der Fassung bringen lassen. Auf Dauer wird das aber schwer: Ich vertröste sie mit: "Ich erzähl Dir alles. Bald! Versprochen!"
Wie die Geschichte weitergeht und was aus der digitalen Beziehung wurde, lesen Sie auf der nächsten Seite.
*Namen sind rein fiktiv! Ähnlichkeiten zu echten Personen sind rein zufällig!
- Hier können Sie einen passenden und weiterführenden Link zum Thema vorschlagen.
Leser-Kommentare (1)
Und dann?
Bei der Erklärung, dass alles nur ein Hoax war, wäre ich gerne dabei gewesen.
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