World Wide LOL: Ragefaces
Ragefaces sind ästhetisch gesehen eine Katastrophe: Keine sichere Linienführung, von zeichnerischem Talent keine Spur. Doch sie sind ein eigener Comic-Stil und haben die Netzkultur entscheidend verändert.
Von Hakan Tanriverdi
Mit Lachen wird im Internet eine Menge Geld verdient. Das ist nicht nur eine Binsenweisheit, es ist mittlerweile ein lukratives Geschäftsmodell. Ende Oktober hat die Finanzseite "24/7 Wall Street" eine Analyse veröffentlicht, in der sie die 25 erfolgreichsten Blogs in Amerika einschätzt. Auf Platz 8 befindet sich das "Cheezburger Network", noch vor dem Klatsch-Blog Perez Hiltons und Will Ferrels Comedy-Portal "Funny or Die". Nie gehört? Macht nichts, dafür haben Sie dessen Bilder und Videos dutzendfach gesehen. Immer, wenn jemand sein Auto nicht einparken kann oder Sie eine Katze mit Text daneben sehen, hat höchstwahrscheinlich das Cheezburger Network für das Bekanntwerden des Clips oder Bilds gesorgt.
Anrüchige Geburt eines Internet-Phänomens
Das Cheezburger Network sorgt auch für den Erfolg der "Ragefaces". Deren Geschichte beginnt auf 4chan, also der Seite, von der viele erst Notiz genommen haben, als Anonymous Ende 2010 DDoS-Attacken darauf startete. 4chan ist eine Bildhalde, zum Großteil besteht sie aus extrem vulgären und auch rassistischen Material, aber sie ist gleichermaßen Geburtsstätte eines Comicstils. Und da es 4chan ist, ist die Entstehungsgeschichte dementsprechend fäkal.
Einer der User wollte beispielsweise zum Ausdruck bringen, wie sehr es ihm gegen den Strich geht, dass beim Erledigen des großen Geschäfts Toilettenwasser an sein Hinterteil spritzt. Dazu öffnete er MS-Paint, teilte die Seite in vier Rahmen, zeichnete die Situation stümperhaft auf und brachte seine Wut (engl.: to rage = wüten, ausflippen) mit diesem Bild zum Ausdruck. Quasi über Nacht entstanden unzählige solcher Comics über Gründe zum Ausflippen.
Doch Menschen flippen nicht nur aus, sie freuen sich, fühlen sich einsam, bringen ihr Unverständnis zum Ausdruck und haben noch viele Emotionen mehr. Für jede davon gibt es eine schlecht gezeichnete Story und ein passendes Bild: die Ragefaces.
Millionenfach kopiert - und immer einzigartig
Dadurch, dass sich niemand für die visuelle Umsetzung interessiert, dadurch, dass alles - abgesehen vom finalen Bild - ohne einheitliche Ästhetik abläuft und nicht zuletzt dadurch, dass jeder ein simples Zeichenprogramm auf seinem Computer besitzt, gibt es so gut wie kein Hindernis; jeder kann mitmachen. Und besser noch: Jeder kann diese Comics verstehen. Und weil das alles so einfach ist, haben sich zahlreiche Weiterentwicklung dieser Comics entwickelt, wie den "Socially Akward Penguin".
Im Gegensatz zu viralen Videos besteht der Unterschied der Ragecomics in einem zentralen Punkt: Landet beispielsweise ein Flugzeug ohne vorderes Fahrwerk, geschieht das einmal und wird dann mehrere Hunderttausend Mal angeklickt. Bei den Ragecomics hingegen gibt es eine Grundidee - man flippt aus, weil - und diese wird in unzähligen Varianten aufgezeichnet. Im Gegensatz zu einem echten Comic muss man sich nicht erst einlesen und die Protagonisten und ihre Eigenarten peu à peu erarbeiten. Nur ein Bild reicht aus und man kann direkt loslegen. Was zählt, ist allein die lustige Grundidee - das LOL.
Weitere Einblicke in die Netzkultur bietet unsere Bildergalerie der Ragefaces.
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