Jacques Olivar: Edward Hopper mit Oberweite
Der neue Bildband von Jacques Olivar begeistert vor allem Liebhaber perfekter Models. Doch fragen wir uns beim Betrachten der Fotos im Retro-Stil: Was geht in den hübschen Köpfen im Moment des Fotos vor? Verraten wird das leider nicht.
Von Philip Artelt
Eine Tankstelle in Nevada. Der blaue Lack des Chevys ist genauso ausgeblichen wie das Beige der Wüstenlandschaft ringsherum, nur leichte Wolkenschleier durchziehen den Himmel, der ansonsten erbarmungslos klar ist. Das ist Nevada, das sind die 1950er, denken wir, wenn wir einen Blick auf das erste Foto in Jacques Olivars Bildband "Forever Young", erschienen bei teNeues, werfen. Tatsächlich sind es die 2000er, in denen Olivars Bilder entstanden sind. Sie versetzen uns zurück in eine Zeit, die wir eher aus Roadmovies vergangener Jahrzehnte kennen oder aus Bildern des Malers Edward Hopper. Dessen Spezialität waren bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts Gemälde einsamer Motels, Straßenszenen im Nirgendwo, Tankstellen und zerbrochene Träume. Und wie Hopper setzt Olivar in diese Szenen junge Frauen, die mit leerem Blick in die Gegend starren.
Forever Young
Jacques Olivar
Verlag: teNeues
Erscheinungsdatum: 2011
Preis: 59,90 Euro
Beschreibung: 128 Seiten, 32,8 x 28,2 x 2,4 cm, 67 Farbfotografien
Text in Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch
ISBN: 978-3-8327-9603-7
Puppengesicht auf Armlehne
Ein Bild zeigt ein Model mit Puppengesicht und blauem, durchsichtigen Tüllkleid, das auf der Armlehne eines Sofas sitzt - auf einem Hausdach in Manhattan. Ein anderes Bild zeigt eine hübsche Blonde, die im Abendkleid mit Flusensaum einen Kaktus auf der Sackkarre durch die Gegend schiebt. Oder ein Mädchen, das in einem abgeranzten Bürogebäude am öffentlichen Münzfernsprecher steht, ihr Schritt nur bedeckt durch einen leichten Vorhang graubrauner Schnüre, die ihr etwas zu enges Abendkleid zieren. All diese Models, all diese Bilder haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind wunderschön. Und sie wirken völlig leer.
Olivar, der ursprünglich als Mode- und Werbefotograf Bekanntheit erlangte, schafft es nicht, seinen Figuren Leben einzuhauchen. Im Vorspann zu seinem Werk formuliert er Fragen, die er an seine Figuren hat: "Wer war sie? Was war das für ein Kummer in ihren Augen?" Aber der Kummer bleibt dem Betrachter seiner Fotos verschlossen. Seine Models bleiben Models, bildhübsch, schlank, in kalten, scharfen Farben, die als Kontrapunkt zu den matten, blassen Straßenszenen wirken. Aber sie werden nicht lebendig, sind eben keine Schauspieler, sondern stellen hauptsächlich Mode, Oberweite und Püppchengesicht zur Schau.
Geheimnisse im Schatten und Licht
Was die Bilder dennoch interessant macht, ist das Geheimnis der Szenen. Menschenleere Straßenkreuzungen irgendwo im amerikanischen Nordwesten, düstere, perfekt eingerichtete Apartments, die Coca Cola-Truhe als Sinnbild des amerikanischen Konsums - vielen dieser Bilder wohnt eine seltsam schaurige Dämmerstimmung inne. Das gilt selbst für die Bilder, die bei hellem Tageslicht aufgenommen wurden. Olivar versteht es, seine Fotos perfekt zu beleuchten (der Werbefotograf lässt grüßen) und setzt damit oft überraschende Akzente: Der Vordergrund seiner Bilder erscheint in tiefstem Schwarz. Nur das Objekt, das Model, das Auto hebt sich matt und seidig glänzend davon ab, während das scheinbar Unwichtige, die Landschaft im Hintergrund, eine Hauswand, die schäbige Fassade eines Wohnwagens, wie zufällig im Schlaglicht eines unsichtbaren Scheinwerfers aufgeht.
Alles kann in diesen Bildern passieren
Am Ende können die mit viel Liebe inszenierten Szenen des Bildbandes nicht über den Mangel an Charisma hinwegtäuschen, mit denen sich Olivars Models präsentieren. Dennoch faszinieren die Bilder mit ihrem Perfektionismus, mit ihrer klaren, kalten Monotonie. Zumindest für den, der schon immer einmal Hoppers Gemälde durch die Linse einer Kamera interpretiert sehen wollte.
"Anything might happen there", schreibt Olivar neben ein Bild, in dem eine vollbusige Schönheit in rotem Leder an der Tankstelle in Nevada träumt. Und damit hat er Recht. Nur leider werden wir nie erahnen, was hinter diesen leeren Augen an einem heißen Wüstennachmittag vor sich geht.
In unserer Bildergalerie sehen Sie mehr von Jacques Olivars einsamen Schönheiten.
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