Tierische Beziehungen: Fremdgehen als Strategie
Dieses Buch hat einiges zu bieten: Gepardenaffären, Dolchpenisse, Spaghettischlangen, Artensterben und Klimawandel. Und es genügt auch noch populärwissenschaftlichen Ansprüchen. Wir haben uns "Warum die Gepardin fremdgeht" durchgelesen.
Von Verena Orth
Das Thema Biodiversität ist sperrig. Auch wenn wir uns im Jahrzehnt der Biodiversität befinden, ausgerufen 2010. Einen etwas anderen Zugang bietet das Buch des britischen Wissenschaftsjournalisten Lewis Smith: "Why the Cheetah Cheats". In der deutschen Übersetzung "Warum die Gepardin fremdgeht" verliert der Titel leider etwas an Charme, nicht aber am Inhalt.
Warum die Gepardin fremdgeht
Lewis Smith
Erscheinungsjahr: 2011
Beschreibung: 240 Seiten, Klappenbroschur,
21 x 26 cm, 185 Fotografien und
Zeichnungen, durchgehend farbig
Preis: 24,95 Euro
Verlag: Jacoby & Stuart
ISBN: 978-3-941787-16-2
Krieg, Sex & Wilderei: Steinalte Saurier, eingeschleppte Büsche und bedrohtes Getier
Auf über 230 großzügig bebilderten Seiten führt uns Smith durch eine oft bizarr anmutende Tierwelt. Mühelos verknüpft der ehemalige Umwelt-Editor der "Times" ernste Themen wie die Auswirkungen des Klimawandels mit spannenden Erkenntnissen der Wissenschaft, beeindruckenden Aufnahmen und detaillierten Tierportraits. Und würzt das Ganze mit Anekdoten aus dem Verhalten der Tiere. Auch hier gilt: Sex sells.
Zunächste beschäftigt sich der Autor mit eingeschleppten (invasiven) Arten und deren fatales Eingreifen in die heimische Umwelt. Es geht um Karnickelexplosionen, leguanverspeisende Feuerameisen, Killermäuse und andere blutrünstige Nager. Auf Piratenschiffen eingeschleppte Ratten wollen zum Beispiel dem Darwinfinken, Schulbuchsymbol der Evolution, an den Kragen. Doch es geht nicht nur blutig zu. Auch Erfolgsstories finden Erwähnung.
Dem zweiten Kapitel hängt ein bisschen der Jurassic-Park-Staub der 90er Jahre an, als ein Saurierspecial noch eine ganze Generation von Schulkindern zu fesseln vermochte. Smiths Buch trumpft neben kolorierten Zeichnungen von Säbelzahntigern und riesenhaften, komischen Stelzenvögeln auch mit spannende Erkenntnisse zum Sexualleben der Tiere auf: "Als vor etwa 570 Millionen Jahren zum ersten Mal ein Tier Sex genoss ..."
Eine Palme namens Methusalem
Im nächsten Kapitel wird Smith wieder ernsthafter und stellt durch Umweltverschmutzung, Lebensraumzerstörung, Wilderei und Klimawandel bedrohte Tiere vor. Gute Nachrichten folgen mit Projekten zur Artenrettung vorstellt: Besonders scheinen es hier den Forschern Pinguine angetan zu haben. Mit allen Mitteln werden Kolonien im ewigen Eis aufgespürt, um den Bestand der Tiere zu überwachen. Hierbei helfen absurd anmutende Ansätze wie die Standortbestimmung durch Luftaufnahmen verkoteter Eisflächen.
Doch Arten verschwinden nicht nur, sie werden mitunter auch wiederentdeckt: Besonders erzählenswert ist die Geschichte der Judäischen Dattelpalme, die nach 2000 Jahren zusammen mit der im ersten Jahrhundert vor Chr. erbauten Festung von König Herodes am Toten Meer ausgebuddelt wurde. Einer von drei Samen durfte unter strenger Aufsicht keimen. Die liebevoll und sinnigerweise "Methusalem" getaufte Pflanze entpuppte sich als Urururururururgroßvater heutiger Dattelpalmen.
Aus dem Nähkästchen geplaudert: Brutale Bettwanzen und flittchenhafte Großkatzen
Schließlich hat die titelgebenden Großkatze - die Gepardin - ihren Auftritt - und ein Alibi für ihr Fremdgehen. Denn das Tier paart sich nicht aus Spaß mit jedem dahergelaufenen Männchen. Mit kühler Berechnung versucht die schlaue Katze, möglichst viele potentielle Väter zu gewinnen. Dadurch verringert die Katzenmutter die Wahrscheinlichkeit, dass die Jungtiere von umherstreunenden Männchen getötet werden: Es könnten ja die eigenen Sprösslinge sein ... Also darf jeder mal ran und sein Erbgut verteilen. Alles in allem: eine eindeutige Win-Win-Situation.
Und da sich über Sex so viele lustige Geschichten erzählen lassen, wollen wir Ihnen auch die der Bettwanze nicht vorenthalten. Forscher fanden heraus, dass die Bettwanzen-Weibchen ein neues Organ entwickelt haben, ja entwickeln mussten, da "die Sexualpraktik des Bettwanzen-Männchens ebenso unhygienisch wie reizlos ist". Die Begattung erfolgt durch einen ziellosen "Stich des Penis" in den Hinterleib der - vermutlich unwilligen - Partnerin. Durch die Wunde werden nicht nur Samenzellen, sondern auch Bakterien und Pilze in das Insekt gebracht. Da können die Weibchen das spezielle Immunorgan gut gebrauchen.
Das Buchkapitel zum Verhalten bereitet allgemein große Freude. Als Lese-Teaser seien hier noch mit Schlamm und Unkraut werbende Flussdelfine, Elefanten, die vor roten Tüchern Angst haben, Schimpansenweibchen, die sich ihrer lauten Lustschreie schämen, und ein Spitzhörnchen, das sein ganzes Leben im Alkoholrausch verbringt, erwähnt.
Immer wieder für eine Überraschung gut: Die kuriose Schatzkiste der Natur
Nach diesen Schmunzelgeschichten führt uns Smith das Potential unseres Planeten vor Augen. Kleine und große Land- und Wasserbewohner stellt er vor, die lange unentdeckt blieben. Eine über 55cm lange Stabheuschrecke, Mini-Seepferdchen, pinke Tausendfüßler, blaue Seesterne, eine spaghettidünne Schlange und das mysteriöse Rüsselhündchen werfen hier die Frage auf, was denn noch alles auf dieser Welt heimlich kreucht und fleucht. Das letzte Kapitel zum Klimawandel regt wieder zum Nachdenken und Handeln an.
Fazit: Party-Angeber-Wissen mit ernstem Hintergrund und Aktualitätsanspruch
Dieses Buch bietet einen wahren Fundus an kuriosen Tieranekdoten und deckt gleichzeitig die verheerenden Auswirkungen des Artenverlusts und des Klimawandels auf. Es erklärt die Arbeit der Naturwissenschaftler und welche Möglichkeiten sich aus ihren Erkenntissen ergeben.
Ein Buch für alle, die sich für die Zusammenhänge zwischen Forschung, Klimawandel, Artenvielfalt und der Welt, die uns umgibt, interessieren. Oder mit der ein oder anderen Anekdote über lüsterne Bettwanzen auf der nächsten Party glänzen wollen.
Wir haben uns inspirieren lassen und zu Smiths Geschichten schöne Naturbilder herausgesucht. Zu bestaunen in der Bildergalerie.
- Hier können Sie einen passenden und weiterführenden Link zum Thema vorschlagen.





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