Steilwandfahrer: Mit Vollgas in die Hölle
Mit Tempo 50 und dem Dreifachen seines Körpergewichts an die Steilwand gepresst, rast der Akrobat Donald Ganslmeier auf knatternden original Indian-Motorrädern Baujahr 1928 an den senkrechten Wänden entlang und riskiert damit täglich sein Leben. Donald ist von Beruf Steilwandfahrer, eine Kirmes-Attraktion, die längst vom Aussterben bedroht ist.
Er gilt als einer der besten deutschen Nachwuchsfahrer in der Steilwand. Und er zählt zu den letzten Helden einer verschwindenden Spezies. Donald, dunkelblonde, halblange Haare, Dreitagebart, muskulös und von Kopf bis Fuß mit Tätowierungen übersät, sitzt in seinem Wohnwagen auf dem Oktoberfest. Der 32-jährige Akrobat raucht eine Zigarette nach der anderen und blättert andächtig in seinem mit Liebe geführten Fotoalbum.
Während draußen die Musik laut aus den Boxen dröhnt und die Fahrgeschäfte schräg ratternd
Hunderte von kreischenden Menschen im Minutentakt durch die Luft wirbeln, betrachtet Donald nachdenklich die Erinnerungsfotos aus seiner 12-jährigen Steilwand-Karriere. Denn noch dieses Jahr wird er seinen gefährlichen Job als Fahrer im "Motodrom" an den Nagel hängen.
MAX: Dein Chef, Hugo Dabbert, hat sich in seiner 50-jährigen Steilwandwand-Laufbahn insgesamt 42 Mal die Knochen gebrochen. Ist dir schon mal etwas passiert?
Donald: Ja, oft genug. Handgelenk gebrochen. Schulter ausgekugelt. Zeh gebrochen. Blaue Flecken und Schürfwunden. Aber das ist ganz normal für unseren Job. Das gehört zum Steilwand fahren dazu.
Hast Du keine Angst, wenn Du die senkrechten Wände entlang rast?
Ich habe keine Zeit, Angst zu haben. Denn ich muss mich auf das konzentrieren, was ich tue. Ein Steilwandfahrer darf noch nicht einmal an Angst denken, denn dann hat er sofort verloren.
Deine Akrobatikübungen sehen unglaublich gefährlich aus. Hast Du das Gefühl, immer alles unter Kontrolle zu haben?
Die absolute Kontrolle wird man bei den Tricks in der Steilwand nie haben. Denn sobald du beispielsweise die Hände vom Lenker nimmst, wenn du auf dem Motorrad sitzt, wird das Risiko automatisch viel größer. Aber das ist ja genau das, was die Leute in der Show sehen wollen. Die möchten, dass wir Ihnen etwas Außergewöhnliches bieten und das ist eben sehr gefährlich.
Welcher Akrobatik-Trick ist Deine Spezialität?
Seitlich an der Maschine stehend. Das ist die schönste Figur. Einfach unglaublich graziös.
Was macht Deiner Meinung nach einen guten Steilwandfahrer aus?
Mir ist es wichtig, dass der Figurenwechsel beim Fahren ein fließender Übergang ist. Der Fahrer muss aussehen wie ein Adler, der oben am Rand des Steilwandkessels herumkreist.
Ganz wichtig ist aber auch die Ausstrahlung, die man hat. Denn wenn du auf dem Motorrad sitzt und nicht lächelst, dann langweilst du die Leute. Wenn du aber Show machst, in die Hände klatschst und den Leuten zublinzelst, dann gehen sie viel mehr mit und die Stimmung ist viel besser. Ich vertrete noch den alten Stil, den man in den 30er- und 40er-Jahren gefahren ist.
Wie bist Du zu diesem ungewöhnlichen Job gekommen?
Als ich sechs Jahre alt war, hat mich mein Opa auf dem Landshuter Volksfest mit in die Steilwand genommen. Das hat mich so fasziniert, dass ich von da an Steilwandfahrer werden wollte. Mit 20 habe ich dann endlich damit angefangen.
Und wo?
Weil mich damals in Deutschland keine Steilwand aufnehmen wollte, habe ich mich der Fox Troup in England angeschlossen. Mit den Jungs bin ich dann sechs Jahre lang die Sommersaison hindurch von Kirmes zu Kirmes gereist. Den Winter über bin ich in München LKW gefahren. Mit 28 hatte ich dann erst einmal genug von der Steilwand und habe mich zum KFZ-Mechaniker umschulen lassen. Vor zwei Jahren bin ich dann bei Hugo Dabbert als Fahrer im Motodrom fest eingestiegen.
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