Spencer Tunick: Nackte für München gesucht
Spencer Tunick trifft Wagner in München - zur Eröffnung der Opernfestspiele inszeniert er im Juni 2012 ein Happening. "Der Ring" wird es heißen. Wie immer will Tunick Gruppen von nackten Menschen im öffentlichen Raum inszenieren. Freiwillige sind noch gesucht.
Von Martin Haldenmair
München ist aufgeschlossener, als es die Klischees vermuten lassen
Was ist nur aus unseren schönen Klischees geworden? In München, der Landeshauptstadt des katholischen Bayernlandes sieht es oft so aus, als hätten sie ewigen Bestand - und dann werden sie doch immer wieder zerrissen. Nun lädt sogar die würdevolle Bayerische Staatsoper den Fotokünstler Spencer Tunick ein, den Auftakt zu den Opernfestspielen 2012 zu liefern. Das heißt: München macht sich nackt. Den Spencer Tunick ist dafür bekannt, Massenszenen mit Nackten zu fotografieren: Am Toten Meer, vor der Oper in Newcastle, in einem belgischen Schlossgarten ... Tunick findet immer wieder öffentliche Bühnen für sein Happening. Nun ist München an der Reihe.
Mit Nackten hat München überraschenderweise keine Probleme - wenn man nur weiß, wo man hinschauen muss. Im Englischen Garten, dem großen Stadtpark, beispielsweise sonnen sich in bestimmten Bereichen immer eine Menge Leute ohne Kleider. Das geht schon so lange, dass es zur Tradition geworden ist, die das offiziell geltende Nacktheitsverbot einfach aushebelt. Auch an den Isarauen werden diverse nackte Paare von den Angezogenen einfach ignoriert. Und auf der Bühne gibt es manchmal mehr Nackte als Angezogene (lang vorbei die Zeit, in der ein rauschebärtiger bayerische Kultusminister gegen angeblich unzüchtige Balletaufführungen zu Felde zog). Das sind allerdings Nischen, die der Münchner akzeptiert. Kleine Sprünge in der Ordnung gehören eben zur Gemütlichkeit. Wie die Münchner wohl reagieren werden, wenn plötzlich nackte Menschen ganz normale Straßen und Plätze säumen?
Große Gesten auf der Bühne, große Bewegung auf der Straße
Das jedenfalls steht der Stadt am 23. und 24. Juni bevor 2012. Die Staatsoper hat den Fotokünstler Spencer Tunick eingeladen, die Eröffnung der Festspiele mit seinen Installationen zu belgeiten. Tunick lässt ich dabei vom "Ring des Nibelungen" inszenieren - passenderweise hat Kriegenburgs Neuinszenierung des vierten Teils der Ring-Tetralogie "Götterdämmerung" am 30. Juni Premiere. Tunick plant einen eigenen Ring: Die Teilnehmer seines Fotohappenings sollen sich in Kreise anordnen. Die Idee, mit menschlichen Körpern kreisförmige Figuren zu bilden, trägt Tunick schon länger in sich, in München will er sie nun verwirklichen.
Ästhetisch passt diese Idee auch zu "Götterdämemrung". In der Inszenierung von Andreas Kriegenburg gibt es einige Massenszenen, in denen wenig bekleidete Schauspieler mit runder, weicher Gestik agieren. Szenische und gestische Darstellung spielen eine ebenso große Rolle wie die Musik. "Deshalb war es naheliegend, diese beiden Projekte zu den Festspielen gemeinsam zu zeigen", so Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper. Tunick ist zuversichtlich, über 1000 Teilnehmer für sein Happening zu gewinnen. Mitmachen kann jeder, gerade normale Leute mit normalen Körpern sind gesucht. München wäre nach Düsseldorf damit die zweite Stadt, deren Bewohner den Mut aufbringen, vor Tunicks Linse nackt zu posieren.
Die Teilnehmer werden sich zu einem vorher festgelegten Zeitpunkt treffen, sich ihrer Kleider entledigen und dann von Spencer Tunick und dessen Team auf ihre Positionen dirigiert werden. Die Gruppen und Formen, die dabei entstehen, hält Tunick auf Foto und Video fest. Mit etwas Ausdauer und etwas Mut kann so jeder Teil eines Kunstwerks werden, sogar in München.
Mehr von Andreas Kriegenburgs Ästhetik und Spencer Tunicks Installationen sehen Sie in unserer Bildergalerie.
Homepage von Spencer Tunick
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