Neujahrsverletzung: Silvester in der Notaufnahme
Man kombiniere Silvesterraketen, Alkohol und einen hohen Grad an Ausgelassenheit. Heraus kommt ein Zuwachs an Arbeit in der Notaufnahme und diese Anekdoten aus dem Klinikum Rechts der Isar in München. Ein Countdown.
Von Stefanie Fetz
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Die Schiebetür der Notaufnahme öffnet sich. Ein Mann mit schwarzer Wollmütze tritt ein, in seinen Händen ein blau-kariertes Geschirrtuch mit Eiswürfeln. Krankenschwester Nicole lotst ihn gleich nebenan ins erste Zimmer. Wundversorgung steht auf der Tür. Klarer Fall von Verbrennung. "So etwas werden wir heute noch öfter zu sehen bekommen", sagt sie. Thomas, der Fotograph, wollte auf dem 40. Geburtstag eines Freundes 40 Wunderkerzen anzünden und hat sie kopfüber über das Feuer gehalten. Eine Stichflamme hat ihm beide Hände verbrannt. Die Haut ist weiß und taub, teilweise mit Blasen versehen. Es wird wohl zwei Wochen dauern, bis er sein wichtiges Arbeitswerkzeug wieder benutzen kann.
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"Ich bin nicht gerne hier. Ich bin eine von denen, die schlechte Erfahrungen mit Krankenhäusern hat. Und das kommt dann immer wieder hoch." Pause. "Mein Vater ist hier gestorben." Die 21-jährige Mia* mit dem geschwollenen Knöchel lächelt.
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Günter vom Sicherheitsdienst kommt vorbei. Heute sei es erstaunlich ruhig. Vielleicht wegen des Regens. Manchmal gehe es hier aber auch im Klinikalltag ganz schön ab. Er sehe es immer öfter, wie Krankenschwestern angegriffen werden. Wie man Menschen so derart respektlos begegnen kann, die einem helfen wollen, verstehe er absolut nicht.
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Zurück in die Wundversorgung. Zwei Männer sitzen sich gegenüber. Der eine hält die rechte Hand in eine Jodlösung. Die linke Hand des anderen ist bereits verbunden. Sie haben zusammen einen Böller gezündet, der dann sofort losging. "Vielleicht war er schon abgelaufen." - "Ich glaube, ich hatte sogar mal 'ne Vorlesung in 'Event und Pyrotechnik'. Da hab ich wohl nicht richtig aufgepasst." Trotz Schmerzen müssen beide lachen. "Und wieso ist es bei dir die linke Hand? Und bei mir die rechte?"
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Klagende Laute aus dem Zimmer gegenüber. Eine demenzkranke Frau ist ausgerutscht und hat sich die Hüfte gebrochen. Sie will nicht im Krankenhaus bleiben. Sie will nicht, dass ihr Mann geht. Sie will nicht hören, dass sie nach der OP am nächsten Tag erst wieder Laufen lernen muss. "Es hülft ja nix", sagt ihr Mann dazu nur.
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Lauter wird es, als Kickboxer Alex eingeliefert wird. "Wir haben ihn mit Handschellen festgemacht an einem Laternenmast aufgegabelt", erzählt der Sanitäter. "Ich muss sofort mit meiner Mama telefonieren", unterbricht ihn Alex, 25. Er ist blutverschmiert an der gesamten rechten Kopfhälfte. Eigentlich nur eine Platzwunde über dem Auge, die mit vier Stichen genäht wird. Aber er will nicht still halten, fasst mit dem Finger beinahe in die Wunde - weil er dem Arzt sein Auge zeigen wollte. Für ihn sind hier alle Ärzte, oder Hilfsärzte. Er redet viel, will wissen, ab wann er wieder trainieren kann und ob er den Bus um fünf Uhr bekommt. Es gibt schlimmere Verletzungen nebenan, mit Sehnendurchtrennung, für die extra ein Handchirurg kommen musste. Und es gibt Patienten, die schlimmer betrunken sind, so dass ihnen stundenlang eine Schüssel hingehalten werden muss. Aber keiner beschäftigt die Belegschaft heute so wie Alex. Später wird noch seine gesamte Familie mit Mutter, Stiefvater und den fünf identisch aussehenden Brüdern kommen und alle zehn Minuten auf die Klingel drücken.
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Dr. Patrick Delhey und Dr. Stefan Döbele brauchen jetzt Kaffee. Langsam wird die Nacht lang. Sie tippen Krankengeschichte und Befund in die Patientenakten. Über den Bildschirmen hängen ein paar Luftschlangen. "Wenn in einer normalen Nachtschicht viel los ist, haben wir von Mitternacht bis drei Uhr vielleicht fünf Patienten. Heute sind es bis jetzt 30 gewesen", sagt Dr. Delhey, Facharzt für Orthopädie. Seine Frau hat für die Kollegen Himbeerdessert im Einmachglas mitgeschickt. Und schon wieder klingelt es am Eingang der Notaufnahme. Ein kurzer Blick auf den Bildschirm in der rechten oberen Ecke des Schwesternzimmers: Die Sanitäter bringen auf der Trage schon den nächsten Fall. Du oder ich? Ein schneller Schluck aus dem Kaffeebecher. Ein Klick auf das Druckersymbol. Patientenübergabe. Silvesterroutine.
3
Vier Polizisten stehen um Adam. Er war in eine Schlägerei verwickelt, hat eine Platzwunde und eine vierfach gebrochene Nase. Die Befragungen und das Pusten lässt er über sich ergehen. Er sitzt diese Nacht lange im Untersuchungsraum, wird einige Male zum Röntgen und zum CT geschoben, weil er die Bilder verwackelt hat. Dazwischen steht er immer wieder auf und geht zum Spiegel. Kritisch betrachtet der junge Mann mit exakt getrimmtem Bart sein Gesicht. Darin hat die Silvesternacht ihre Spuren hinterlassen.
2
"Schatz, lass dich doch bitte auch untersuchen", bittet Manuel, mit Halsstütze auf der Trage liegend, seinen Freund Paul, der schwankend der Liege folgt. "Du bist doch genauso wie ich die Rolltreppe runter gefallen." "Nein mein Schatz, ich bin kerngesund." Ein Pärchen, das alle zum Schmunzeln bringt.
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Es ist kurz vor 12. Der Warteraum in der Notaufnahme ist noch leer bis auf einen Stuhl. Ben aus Kansas wartet auf seine Frau. Silvester verbringen sie jedes Jahr in einer anderen Stadt; auch, um ihren Hochzeitstag zu feiern. "Heute Morgen waren wir noch in Verona - der Stadt von Romeo und Julia, wunderschön und sehr romantisch." Anna kommt mit einem gebrochenem Zeh und Dr. Florian Liebl durch die Schiebetür gehumpelt. Es ist klar, wer in der nächsten Woche beide Rucksäcke tragen wird. "Happy new year, Darling."
* Namen der Patienten von der Redaktion geändert.
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