Magnum: Die Momente-Jäger
Vielleicht ist es eine gewagte These, aber eine ziemlich wahrscheinliche: Es gibt keinen sehenden Menschen in der westlichen Welt, der noch nie ein Foto von der Agentur Magnum gesehen hat. Dieses Jahr feiert die eigensinnigste und gefeiertste aller Reportage-Fotoagenturen ihr 60. Jubiläum. Ein Blick zurück, wie alles begann...
Von Andrea Ege
Etwas divenhaftes umwabert die Figuren der Gründungsväter. Und etwas Geheimnisvolles. Extrem waren sie sowieso. Von Anfang an. Der Urknall, jener Moment, der der Welt so viele unvergessliche Bilder bescheren sollte, dieses fast schicksalhafte Zusammentreffen zwischen Henri Cartier Bresson und David Seymour fand in einem Bus statt. In Paris.
Cartier-Bresson, groß gewachsen, elegant gekleidet, befestigt ein neues Objektiv an seiner Leica, als David "Chim" Seymour, schmächtig, ärmlich gekleidet, sich nicht mehr zurückhalten kann. "Was ist das für eine Kamera?" lautet der Satz, mit dem eine wunderbare Freundschaft beginnt. Dies alles geschah an einem Tag im Januar 1934.
Tödliche Nähe
David Seymour, dessen eigentlicher Name Szymin war, machte Cartier-Bresson kurz darauf mit André Friedman bekannt - ein stämmiger Kerl mit Aussehen und Habitus eines klassischen Latin Lovers und ebenso leidenschaftlich der Fotografie verfallen wie die beiden. Später wird sich dieser Mann Robert Capa nennen und den berühmten Satz sagen: "Wenn das Bild nicht gut ist, warst du nicht dicht genug dran." Noch später wird ihn genau dieses Credo töten.
Bis dahin sollte noch viel Zeit vergehen. Zeit, in der die Fotoagentur Magnum der Welt die Augen öffnen sollte. Am 22. Mai 1947 wurde sie offiziell ins Handelsregister des County of New York eingetragen. Zu den Gründungsmitgliedern zählten Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, David "Chim" Seymour, George Rodger, sowie William und Rita Vandivert. Ihre erklärte Absicht: keine gewöhnliche Fotoagentur zu sein. Sie wollten mit dem Mittel der Photographie räumliche und zeitliche Bruchstücke des Lebens festhalten.
Mit diesem Anspruch im Herzen zogen die störrischen, eigensinnigen Individualisten mit der Kamera in der Hand hinaus in die Krisengebiete der Welt, überall dorthin, wo es brodelte, Menschen aufeinander prallten. Immer auf der Jagd nach dem ultimativen Augenblick. Ob bei der blutigen Landung der Alliierten in Frankreich, der hart umkämpften Front im spanischen Bürgerkrieg, dem Sturz des Schahs im Iran aber auch mit Marilyn Monroe am Filmset von "Misfits" oder beim Training mit Mohammed Ali. Immer war ein Magnum Fotograf vor Ort.
Leidenschaft bis zum letzten Moment
Die Zeitschriften rissen sich um ihre Fotos - die drei der Magnum Fotografen mit dem Tod bezahlten. 1957 wurde "Chim" während er über die Suez-Kämpfe berichtete, von einem ägyptischen Soldaten erschossen. Capa wurde 1954 in Indochina von einer Tretmine zerrissen. Werner Bischof starb im selben Jahr, als sich sein Landrover in den peruanischen Anden überschlug.
Bis heute gilt eine Mitgliedschaft in der Magnum Agentur für viele Bilderjäger als das fotografische Nonplusultra. Allein, im Vergleich zu den Aufnahmebedingungen gleicht eine Audienz beim Papst einem Spaziergang. Um der Moderne zu huldigen, hat sich das Portfolio der Arbeiten von Magnum erweitert: Seit kurzem bietet die Agentur auch Seminare und Themenpakete im Internet an. So erreichen die Momente-Jäger noch mehr Menschen und lassen sie Anteil nehmen an der unfassbaren Vielfalt des Lebens - rund um die Welt.
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