Kurzgeschichten: Sechs mal Zehn
Teil Zwei
Sie hatten zehn Sätze, um eine Geschichte voller Liebe, Spannung oder Dramatik zu erzählen. MAX rief zum Kurzgeschichten-Wettbewerb auf. Hier sind die acht bisher besten Einsendungen
Herrn L.S. Universum
Herrn L.s Universum dreht sich, wie der kleine Zeiger der alten Bahnhofsuhr irgendwo in Deutschland, nur sehr langsam durch den Alltag. Jeder seiner Gedanken kriecht in einer maximal möglichen Geschwindigkeit vertikal durch seine
Räume. Herr L. hat Zeit. Viel Zeit. Und nochmehr Zeit hat er auf Arbeit. Dort, wo auf dem grauen Schreibtisch die Formulare mit den Fragen anderer
Menschen liegen, besteht die Zeit nur aus Punkten, die Herr L. gewissenhaft in die viel
zu kleinen Formularfelder füllt. Die Gleitzeit ist für ihn reaktionär. Bis punkt 16.30 Uhr seine
Taschenuhr das Einstellen jeglicher Arbeit befiehlt. Und Herr L. nur für Minuten sein Universum verlässt, um die Straße zu überqueren. Dann ist er wieder zuhause, irgendwo in Deutschland.
Thomas Ritter, Naumburg/Saale
Ein deutscher Sommernachtstraum
Brückners sonorrauhe Stimme tönt zu einer ewig gleichen, heuchlerisch-verlogenen Knoppschen Dokumentation aus der laufenden, flimmernden Kiste. Es ist spät, dunkel, schwül, ich schlafe ein. Ich träume - ich sehe dunkle, abgemagerte Menschen sich durch den tiefen Matsch unendlicher Ebenen schleppen, die Beine knietief im Schlamm versinken, während ich mit der Peitsche auf sie eintrommle, auch meine schwarzen Stiefel versinken - wer bin ich? In der schwarzen Milch der Frühe wird die vernichtete Masse Mensch in die Kammer getrieben, eingesperrt, mit Insektengift vergast. Ich schwebe hoch über der Erde, unter mir brennen die Krematorien. Der Rauch steigt auf, er legt sich wie dichte Schwaden über das weite Land, die Rauchwolken ziehen nach Westen, verhüllen das ganze Land des jaulenden Conterganwolfes, bis kein Sonnenstrahl mehr das brache Land erreicht. Meine Stiefel stecken knietief in der braunen Erde. Langsam senkt sich der stickige Staub, die Asche, die Reste verbrannter und verkohlter Leichen auf das Land, verteilt sich, bleibt liegen, eine zentimeterdicke Schicht bedeckt die Heimat der deutschen Meister. Michel kommt und pflügt das Land, er pflügt das Land, bis die Erde mit Asche getränkt ist, dann sprießt das Kraut, es sprießt und sprießt, es sprießt in den Himmel und hebt mich empor - das ganze Land blüht. Ich schrecke auf, draußen regnet es - heute werde ich wohl im Bett bleiben.
Wolfgang Reinhardt
INHALT
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