Kurzgeschichten: Michael Ebmeyer &
Sascha Lobo
Zehn junge, deutsche Popautoren haben für MAX eine Geschichte in zehn Sätzen geschrieben - auf dieser Seite Michael Ebmeyer und Sascha Lobo
Michael Ebmeyer: Das letzte Mal
Aber die inneren Werte: tipptopp, hatte der Mann am Klavier plötzlich gebrüllt, irgendwo in Blue Moon hinein. Für einen Moment schien die Sängerin unentschlossen - Lachen? Schimpfen? -, er jedoch spielte weiter, als wäre nichts gewesen. Also tat sie es ihm gleich. Das Publikum, weniger stoisch, zischte, mutmaßte und wollte nach dem Schlussakkord nicht recht klatschen. Eine flottere Nummer zum Trost, When the Saints. Und mitten in der dritten Strophe wieder der Pianist mit seiner Reibeisenstimme: ein paar Gebrauchsspuren, sicherlich! Diesmal sah sie sich genötigt zu reagieren - das machst du nicht noch einmal, Hannes - und weiter im Takt, I want to be in that number. Danach wieder elegisch, Quizás, quizás, quizás, und beim soundsovielten tú contestando der unselige Tastenmann: aber doch nicht für den Preis! So, das wars, schnaubte sie und stieß ihn von der Bühne. Für uns wäre der Abend auch ohne dieses Ende unvergesslich gewesen.
Aktuelles Buch: "Gebrauchsanweisung für Katalonien" (Piper) Letzter Roman: "Achter Achter" (KiWi) Homepage: www.euerfoen.de
Sascha Lobo: 10x10
Das Leben ist eine Kette von gefühlten und tatsächlichen Zumutungen. Bei seiner Geburt ist der Mensch hilflos, dumm und stinkt. Durchschnittskindheiten pendeln zwischen Belanglosigkeit und Desaster, Pubertät und Jugend gelten als Brutstätten der erbärmlichsten psychischen Störungen, die Adoleszenz ist das Epizentrum des eigenen Versagens und sendet seismische Wellen der Unzulänglichkeit bis ins hohe Alter. Es folgt die Midlife-Crisis, die durch die Plakativität des eigenen Verfalls im Rentenalter allenfalls abgemildert wird. Besiegt wird sie erst durch die in den Tod mündende Demenz, der Mensch ist wieder hilflos, dumm und stinkt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht leicht, die eigene Person korrekt in die Welt einzuordnen. Im Gegenteil ziehen sich meisten Menschen mit viel "Ich"-Getöse in eine ebenso selbstgeschaffene wie selbstgerechte Welt zurück, die ausschliesslich der Schmerzlinderung dient. Mit Realität hat das nichts zu tun, es handelt sich vielmehr um einen vollständig durchsubjektivierten Kokon. Von innen verspiegelt, Kommunikation nicht möglich, Gefühle nur vorgetäuscht, Liebe eine Krankheit, die dazu noch nur eingebildet ist. Und so erkennt niemand die Wahrheit, die einzige, ewige: Joghurt mit Honig und Walnüssen.
Sascha Lobo ist Jahrgang 1975, Werbetexter, Blogger und Autor. Er mag gern Joghurt mit Honig und Walnüssen und hat schon mal per SMS gearbeitet. Er hält es für wichtig, dass sich der Mensch seiner eigenen Würstchenhaftigkeit stets bewusst ist.
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