Kurzgeschichten: Oliver Uschmann &
Harriet Köhler
Zehn junge, deutsche Popautoren haben für MAX eine Geschichte in zehn Sätzen geschrieben - auf dieser Seite: Oliver Uschmann und Harriet Köhler.
Oliver Uschmann, Der erste Schnee
Hartmut steht vor meinem Bett: "Wir müssen aufstehen und Schnee schippen, wir werden verklagt! ‚Alle an das Grundstück angrenzenden Flächen sind zu räumen'", liest er mir zwischen meine müden Ohren direkt ins Gehirn aus dem Ehrfurcht einflößendsten aller Gesetze vor, dem Mietvertrag. Ich weiß nicht, ob ich wach bin, aber wir schaufeln den Bürgersteig, die Flanken und den kompletten Garten, damit sogar der Komfort des in unseren Garten scheißenden Nachbarhundes gewährleistet ist. Als wir am Ende des Gartens ankommen, versetze ich mich schon in den Schlafmodus zurück, doch Hartmut spürt das und verkündet mit einem Wölkchen vor seinem Mund: "Angrenzende Flächen - weitermachen - sie klagen uns kaputt." Nach der ersten Stunde verliere ich das Gefühl in den Fingerspitzen und nach der zweiten sterben meine mittleren Zehen, doch Hartmut presst seine blauen, strichdünn geschrumpften Lippen zusammen und murmelt immerfort "Klagen uns kaputt", bis es sich anhört wie "Klaputt". Viele Stunden später sitzen wir kalt und blau wie muskulöses Gammelfleisch vor dem Fernseher und hören dem munteren Nachrichtensprecher zu: "Der erste Schnee ist über das Ruhrgebiet hereingebrochen und hier sehen wir eine Satellitenaufnahme von Bochum und den fleißigsten frühen Vögeln des Landes." Das Bild zeigt, wie eine schwarze Schneise, Lemmingen würdig, in die ansonsten völlig weiße Landschaft geschlagen wird. "Sie graben sich durch Spielplätze und Autofriedhöfe", sagt der Mann, dessen Mundwinkel sich am Hinterkopf treffen müssen, "schauen Sie sich das an, liebe Zuschauer, jetzt räumen sie unter der Autobahnbrücke!" Ich drehe meinen Kopf zu Hartmut.
Die Kälte in meinem Genick knirscht, als ich Strichlippen sehe, aus denen es flüstert: "Noch streuen. Klaputt."
Uschmann, geboren 1977 in Wesel, hat als Kulturveranstalter, Werbetexter und Packer gearbeitet, Kurzgeschichten veröffentlicht und verschiedene Literaturpreise gewonnen. Im Fischer Taschenbuch Verlag erschien sein Debüt ›Hartmut und ich‹ (Bd. 16615), das sofort zum Kultroman wurde. Oliver Uschmann lebt im Münsterland, betätigt sich als Dozent und ist Redakteur bei den Magazinen Visions und Galore.
Harriet Köhler
... und er drehte sich erst wieder um, als er am Gipfelkreuz angekommen war. Er ließ sich auf einen Felsbrocken sinken und dachte an den Stress, den er hinter sich gelassen hatte, ganz spontan: die Stapel mit Arbeit im Büro, die Konferenz, die gerade begann, den hitzigen Streit wegen des morgigen Hochzeitstags. Er sog den eiskalten Himmel in sich ein, die Lungenflügel spannten sich weit in der dünnen Luft; er blickte auf seine Wanderschuhe, die nun endlich nicht mehr so neu aussahen. Er atmete aus, er hatte sich selbst bezwungen.
Plötzlich hörte er sein Handy piepsen und wollte sich gerade darüber wundern, hier oben tatsächlich Netz zu haben, da fiel ihm ein, dass er das Handy unten auf der Hütte hatte liegen lassen, ganz sicher, ganz bewusst. Aber dann hörte er das Piepsen noch einmal und fragte sich, wer so penetrant sein könnte, bestimmt seine Frau, die immer noch heulend zu Hause saß, aber vielleicht war's auch die Jelinek, der er nicht Bescheid gegeben hatte, bevor er in die Berge gefahren war. Sein Email-Account fiel ihm ein und dass er völlig vergessen hatte, eine Abwesenheitsnotiz einzurichten; er begann, seinen Rucksack zu durchwühlen, so ein Mist, wer weiß, was passiert, er durchsuchte die Taschen seiner Jacke, er musste irgendwie die Jelinek erreichen, dass die die Abwesenheitsnotiz aktiviert, aber auch in der Außentasche war das Handy nicht drin. Als er das Piepsen jetzt schon wieder hörte, hatte er das Gefühl, dass es in seinem Gehörgang war, eine Nadel, er schloss die Augen und schüttelte den Kopf, versuchte es abzuschütteln, aber ihm wurde nur schwindelig, die Berge begannen, ihn zu umkreisen, das Piepsen kam von allen Seiten, ein Echo im Hirn.
Er torkelte und griff schnell nach dem Kreuz, um sich festzuhalten, gefrorenes Metall, fotoreal, und auf einmal merkte er, dass das Kreuz gar kein Kreuz war, sondern Teil eines Gitters, und dass nicht er es war, der es umfasst. Und jetzt war unten oben und Wolken zogen,
vorbei.
Geboren 1976 in München, lebt in München. 1996 bis 1999 Studium der Kunstgeschichte, Neueren Deutschen Literatur und Psychologie in München. 1999 bis 2005 Deutsche Journalistenschule München, Diplom-Studiengang. 2001 Kriegsberichterstatter-Lehrgang der Bundeswehr, Hammelburg. Journalistische Arbeiten für GQ, Neon, Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, Jetzt, Intro, Zündfunk (Bayern 2), MTV.
INHALT
- Hier können Sie einen passenden und weiterführenden Link zum Thema vorschlagen.





...mehr





