Bittere Niederlagen: Härter als Blutgrätschen
Im Sport entscheiden oft Bruchteile von Sekunden über Sieg oder Niederlage. Doch auch 84 Minuten können im Nachhinein ganz schön bitter sein.
Von Andreas Buchmann
Estadio Camp Nou in Barcelona. Knapp 95 000 Zuschauer verlassen größtenteils siegestrunken das Stadion. Gerade wurden sie Zeuge, wie ihr geliebtes "Barca" den FC Bayern München mit 4:0 aus der Arena geschossen hat. Alle Tore fielen in der ersten Hälfte. Bayern-Manager Uli Hoeneß läuft vor Erregung mit einer Funzel herum, dass die Stadion-Betreiber getrost das Flutlicht abstellen könnten. Im Moment drehen sich seine Gedanken wohl nur um die fußballhistorische Watsch'n (bayrisch für Ohrfeige), die sein Klub gerade bekommen hat.
84 Minuten
Doch beim Betreten der Arena dürfte Hoeneß an jene 84 Minuten vor zehn Jahren gedacht haben. So lange durften sich die Bayern damals in Barcelona als Champions-League-Sieger fühlen. Nach einem Tor in der 6. Minute passierte gegen Manchester United nichts mehr - bis zur 90. Minute. Dann kassierte der deutsche Rekordmeister in der Nachspielzeit zwei Tore und hatte nichts mehr, außer einer historischen Niederlage.
4,5 Minuten
Meistens reichen im Fußball schon weniger Minuten, um sich Niederlagen-technisch unsterblich zu machen. Wer könnte jene viereinhalb Minuten vergessen, die sich Schalke 04 in der Saison 2000/01 als Meister gefühlt hat? Während Fans und Team vor Freude weinten, sahen sie auf der Videowand das Meisterschafts-entscheidende Tor der Bayern. Danach liefen die Tränen weiter, dieses Mal allerdings aus anderen Gründen.
3 Minuten
Gerade mal drei Minuten reichten dem Abwehrspieler Carlos Gamarra für seinen Negativ-Rekord. 2006 erzielte er das bisher schnellste Eigentor während einer Fußball-Weltmeisterschaft. Er wuchtete beim 0:1 von Paraguay gegen England einen Kopfball versehentlich ins eigene Netz. Jetzt darf sich Gamarra wohl noch ziemlich lange über seine zweifelhafte Bestmarke freuen. Sein Vorgänger war der Jugoslawe Ivica Horvat - dessen neun Minuten hielten 52 Jahre lang.
11 Sekunden
Schlappe elf Sekunden genügten dem südkoreanischen Nationalteam, um den schnellsten Gegentreffer in der WM-Geschichte zu kassieren. Unglücklicherweise passierte das Missgeschick 2002 vor eigenem Publikum als WM-Ausrichter. Der türkische Nationalstürmer Hakan Sükür netzte ein und unterbot den damaligen Rekord des Tschechen Vaclav Masek um vier Sekunden. Südkorea muss nun damit leben, einen 40 Jahre alten Rekord unterboten zu haben.
2,8 Sekunden
Doch es geht noch kürzer. Das bisher schnellste Gegentor der Fußball-Geschichte kassierte ein Klub namens Sonano aus Uruguay. Am 26. Dezember 1998 haute ein gewisser Ricardo Olivera von einem Verein namens Rio Negro den Ball schon nach 2,8 Sekunden ins gegnerische Tor.
0,011 Sekunden
2,8 Sekunden sind auf den ersten Blick wenig. Doch es gibt noch schnellere Niederlagen, zum Beispiel in der Formel 1. Michael Schumacher musste sich 2002 beim Grand Prix der USA seinem damaligen Teamkollegen Rubens Barrichello um 11 Tausendstel Sekunden geschlagen geben. Das ist fixer, als ein Formel-1-Zuschauer mit der Wimper zucken kann. Allerdings ließ Schumacher seinen Ferrari-Mitfahrer damals mehr oder weniger freiwillig vorbei. Angeblich plante er in Führung liegend, gleichzeitig mit seinem Partner über die Ziellinie zu fahren. Das klappte nicht ganz, war aber trotzdem historisch.
0 Sekunden
Ein Blütenfest für alle Zeitfetischisten ist die Leichtathletik. Hier entscheiden gerne mal gar keine Zeitunterschiede über Sieg oder Niederlage. So liefen beim 100-Meter-Sprint der Frauen während der Weltmeisterschaft 2007 gleich vier Athletinnen gleichzeitig über die Ziellinie. Auf der Anzeigetafel leuchtete zunächst der Name von Torry Edwards als Siegerin auf. Dann guckten sich die Kampfrichter das Zielfoto an. Und für die arme Torry blieb weder die goldene noch die silberne Medaille. Dummerweise bekam sie nicht mal Bronze und landete auf dem Blech-Platz. Die US-Amerikanerin Lauryn Williams holte Gold, mit der gleichen Zeit wie ihre Rivalin Veronica Campbell: 11,01 Sekunden. Die Zeitnahme konnte keine Tausendstel messen. Wie vorchristlich!
Einen Überblick über die historischen Sport-Verlierer liefert unsere Bildergalerie.
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