Chaos Tage: Alle Jahre wieder
"Weihnachten wird unterm Baum entschieden" behauptet ein großes Unternehmen in seiner Werbekampagne. Wir berichten live vom der alljährliche Katastrophe und schauen, wer am Ende des Abends gewinnt.
Von Emma Rebling (Name von der Redaktion geändert)
Ich habe eine große Familie. Jedes Jahr kommt die Schwester meines Vaters mitsamt Anhang zur Weihnachtsgans vorbei. Mein Bruder und ich kommen in den Semesterferien heim. Meine kleine Schwester wohnt ohnehin zuhause - Oma und Opa werden angekarrt. Ein Katastrophenbericht im Ticker.
10:00 Aufgeweckt durch panisches Geschrei. Mutter. Kein Salz gekauft. Einer muss schnell in den Supermarkt, sonst wird die Ente fürs Abendessen nix. Meine Geschwister waren gestern Abend feiern. Kleine Schwester: Kotzend im Bad, scheinbar zu viel Tequila. Großer Bruder: Noch nicht wieder zuhause. Kameradenschweine.
12:15 Zitat Mama: "Dieses Jahr wird bestimmt besonders schön, so ruhig und besinnlich." Selig sind die Naiven.
14:35 Tante Gertrud kommt. Sie ist 53, sieht aber aus wie 73. Verhält sich auch so. Will mal schauen, ob sie Mama in der Küche helfen soll. Mama reagiert erwartungsgemäß imperialistisch und lässt sie nicht mal die Küche betreten. Alles super, Hilfe unnötig.
14:45 "KINDER! KARTOFFELN SCHÄLEN! SOFORT!" Kleine Schwester: Kotzend im Bad. Großer Bruder: Kotzend im Gäste-WC. Will Tante Gertrud anrufen. Mama droht mit Ausschluss vom Abendessen, wenn ich das tue. Liebäugle mit Burger zu Weihnachten.
14:50 Scheiße, Fast-Food Restaurant hat Heiligabend geschlossen. Sichere Info meiner BFF. Gehe also Kartoffeln schälen.
17:00 Ente im Ofen. War live dabei als Mama sie ausgenommen hat. Vorsatz für 2012: Vegetarier werden.
17:19 Bad okkupiert. Von Mama. Nicht kotzend.
17:42 Bad okkupiert. Von kleiner Schwester. Status unklar.
18:14 Bad okkupiert. Vom großen Bruder. Definitiv kotzend.
18:20 Verkrieche mich mit Papa in seinem Arbeitszimmer, haben eine Flasche Wein geklaut und spielen Schach. Chance, dass wir nicht gefunden werden: 20%. Chance, dass der Rest der Familie die Hausklingel überhört: 70 %.
18:30 *klingelingklingelingeling* Ducken, ruhig atmen und so tun, als wäre man aus Luft. Eingeladen war zu 19:00, zu früh kommen ist definitiv unhöflich.
18:31 *klingelingelingeklingelingelingelinge* "SCHATZ! MACH DOCH MAL DIE TÜR AUF!" Papa gehorcht, ich folge. Diese Schlacht muss er nicht allein schlagen. Tante Gertrud, wie immer zu früh. Inklusive Mann, Onkel Albert, Mitte 60. Taub, halbblind und immer latent betrunken. Mit dabei die zwei Blagen: Hölle und Fegefeuer (Hendrik und Finn). Zwillinge, 18 Jahre alt. Keiner weiß, wie Tante Gertrud schwanger geworden ist. Oder von wem.
19:20 Oma Helga und Opa Herbert sind inzwischen auch da. Onkel Albert hat schon die zweite Flasche Wein geleert und Papa und mich überholt, obwohl wir eine Stunde Vorsprung haben. Mama hat Tante Gertrud erst einmal mit Blicken getötet, als sie fragte, ob die Ente denn so aussehen müsse. Mein Bruder und meine Schwester sind noch immer verkatert und sitzen ruhig in der Ecke. Könnte friedlich werden dieses Jahr. Hendrik und Finn bedienen sich an Papas Spirituosenschrank. Niemand bemerkt es, nur ich. Den Jungs gönne ich einen ordentlichen Kater.
20:00 Ente kommt auf den Tisch. Opa kriegt die erste Keule. Begründung: "Wer weiß, ob das mein letztes Weihnachten ist." Sagt er seit zehn Jahren. Die übliche Schlacht um die zweite Keule beginnt, mein Bruder resigniert und rennt beim Anblick der Gans Richtung Badezimmer. Papa gewinnt gegen Onkel Albert. Heimvorteil. Bin stolz auf ihn. Schenke uns beiden daraufhin gleich noch ein Glas Wein ein. Meine Schwester klammert sich an ihr Wasserglas wie an einen Rettungsring. Tante Gertrud: "Die Kartoffeln sind aber ziemlich eckig geschnitten..." Mama kontert: "Ist eine ganz neue Sorte, aus China, total selten, extra im Feinkostladen bestellt und einfliegen lassen." Jaha, auf ihre Kinder lässt sie nichts kommen.
21:30 Halbzeit bei der Bescherung. Hendrik und Finn fahren mit ihren neuen Waveboards durchs Haus. Werfen dabei Mamas neue überteuerte Vase um. Benehmen sich wie 13-jährige. Sehen aber auch so aus. 1,60m, 50 kg, Bartwuchs: Fehlanzeige. Aber geben sich wie der König von Mallorca. Tante Gertrud beruhigt Mama: "Keine Sorge, ich geb Dir nachher 5 Euro, dann kannst Du sie dir im Schnäppchenmarkt nochmal holen." Die Spiele haben offiziell begonnen.
22:10 Mama hat in 40 Minuten den Alkoholkonsum von Papa und mir aufgeholt. Sportlich. Aber Onkel Albert liegt immer noch vorne. Finn liegt kotzend in unserem Bad. Laut Tante Gertrud war die Gans Schuld. Dann hilft sie beim Abwasch. Oma steht daneben und kritisiert ihre Tochter. Oma hat auf die dunkle Seite der Macht gewechselt. Sehr schön.
22:19 Mama fragt Papa, warum wir jedes Jahr seine beknackte Schwester einladen müssen, während Tante Gertrud nach ihren beiden Kronprinzen sieht. Zitat Oma: "Naja, die Gerdi ist mir halt zwei, dreimal runter gefallen, da müsst ihr Verständnis haben."
22:40 Der Alkohol ist alle. Die Apokalypse droht. Onkel Albert fordert Papa zum Armdrücken heraus. Papa weigert sich.
23:00 Die Langeweile siegt, Papa nimmt die Herausforderung an.
23:14 Der Krankenwagen kommt. Papa hat Onkel Albert irgendwas gebrochen. Behauptet zumindest Onkel Albert. Der Sanitäter ist sich nicht sicher. Meine Mutter ist sehr fürsorglich: "Nein nein, nehmen Sie ihn lieber mit ins Krankenhaus zum Röntgen!"
23:30 Alle weg. Tante Gertrud ist mit ihren Jungs im Auto dem Krankenwagen hinterher. Fazit: Opa hat genug Schnaps getrunken, dass er bis nächstes Jahr konserviert ist und wieder die Gänsekeule kriegt. Oma hat mir erklärt, wie das mit den Bienen und den Blumen läuft. Und Mama und Papa fragen meine kleine Schwester, wann sie endlich auszieht, damit sie das Haus verkaufen und sich eine Wohnung ohne Esszimmer kaufen können.
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