Dan Osman: 335 Meter freier Fall
"Er breitete er seine Arme aus und fiel in die Tiefe. Fritsch und Gambalie hörten zehn Sekunden lang das vertraute Pfeifen des Windes am Telefon. Dann hörten sie nichts mehr. "
Bevor es losgehen sollte, tauchten die Ranger des Parks auf. So präzise Dan Osman bei seinen wilden Aktionen arbeitete, so verloren war er im Alltag. Parktickets und Bußgelder ignorierte er. Als er mit einem ungültigen Führerschein erwischt wurde, kümmerte er sich nie um die Folgen. Er wurde verhaftet und saß zwei Wochen im Gefängnis, bis seine Freunde genug Geld für eine Kaution gesammelt hatten. Als er mit seinem Freund Miles Daisher wieder nach Yosemite kam, baumelten seine Seile noch so am Felsen, wie er sie zurückgelassen hatte. Das Material hatte einen Monat in Regen und Schnee gehangen. Disher hatte Bedenken - Osman nicht.
Am 23. November 1998 sprang Daisher eine kürzere Distanz, seilte sich ab und lief über einen Umweg wieder nach oben. Als er auf dem Felsen ankam, saß Osman in der Abendsonne und machte sich für den Sprung bereit, der alle Rekorde brechen sollte: 335 Meter freier Fall, den das Seil 45 Meter über dem Boden auffängt. Kurz vor dem Sprung rief er seine Freunde Jim Fritsch und Frank Gambalie an. Die beiden, selbst Basejumper und Fallschirmspringer, wollten bei seinem großen Sprung dabei sein, waren aber in einem Sturm steckengeblieben.
Vor jedem Sprung vollzog Osman das gleiche Ritual: Er kontrollierte alle Seile und Knoten, machte einige kürzere Sprünge vorweg, zählte einen Countdown und flog dann von der Klippe. Oft filmte er den Sturz oder ließ seine Freunde am Telefon über sein Handy das Pfeifen des Windes hören, während er sprang. An diesem Novemberabend unterbrach er den Countdown vor dem Sprung zweimal. Dann breitete er seine Arme aus und fiel in die Tiefe. Fritsch und Gambalie hörten zehn Sekunden lang das vertraute Pfeifen des Windes am Telefon. Dann hörten sie nichts mehr.
Daisher sah zu, wie das Licht, das Osman an seinem Kopf befestigt hatte, schwächer und schwächer wurde. Nach zehn Sekunden zog sich das Seil stramm, peitschte durch die Luft. Er hörte einen Schrei und einen Knall, als würde ein Baum in der Mitte durchbrechen. Dann absolute Stille. Daisher geriet in Panik. Er war sicher, dass Osman verletzt in einer Baumkrone hängen musste. Er seilte sich ab, um ihn in den Kieferästen zu suchen. Unten angekommen, folgte er dem Licht von Osmans Lampe. Er lag bewegungslos auf dem Boden. Das Seil hatte ihn nicht gehalten. Er war 35 Jahre alt, als er starb. Seinen letzten Sprung nahm er aus einem Winkel, den er nicht berechnet hatte. Wahrscheinlich hielt deswegen einer seiner Knoten den Aufprall nicht aus.
Man könnte denken, Osman sei ein verrückter Adrenalin-Junkie gewesen und dass er sinnlos sein Leben verschwendet hat. Tatsächlich war es die Gefahr, die ihn 35 Jahre lang am Leben gehalten hat. Er hat sich immer am Abgrund bewegt und konnte das Leben am besten spüren, wenn es an einem Nylonseil hing. So schwer das für ihn und seine Freunde war, ihm war es lieber als ein normales Leben. Für ihn war der Gedanke, dass alles für immer geregelt, normal und sicher sein könnte, tragischer als der Gedanke, dass ihm etwas Schreckliches zustoßen könnte. Und so hat er genau das gelebt, wovon andere oft nur träumen: die große Flucht nach vorn.
Buchtipp: Andrew Todhunter: "Fall of the Phantom Lord. Climbing and the Face of Fear," Anchor Books, 224 Seiten, 11,95 Euro.
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Leser-Kommentare (4)
wie kann man nur
reicht es nicht zu wissen das er es nicht überlebt hat??? ein bissl mehr respekt wäre wahrlich angebaracht!!!der mann war der verrückteste von uns allen!!! im übrigen hat er das seil nach dem ersten sprung 3 wochen hägen lassen weil er zu abbau der konstruktion zu fertig war.der 2.versuch war reiner leichtsinn.zitat"wenn ich den berg mit hilfsmitteln besteige hat der berg keinen respekt vor mir"





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