Dan Osman: Leben am Limit
Dan Osman kannte keine Angst: Er bestieg Felsen in wenigen Minuten, setzte Weltrekorde und verzichtete oft auf eine Sicherheitsausrüstung. Als er einen neuen Weltrekord aufstellen wollte, sprang er von einem 335 Meter hohen Felsen. Lediglich ein Kletterseil sollte den Sturz auffangen - es riss.
Von Anna Starke
Der Film ist etwas pixelig, aber wer ihn sieht, hält die Luft an. Wie ein Gecko auf der Flucht sprintet Dan Osman die 120 Meter lange, senkrecht in den Himmel ragende Felswand hinauf, hechtet von einer Steinkerbe zur nächsten. Er ist nicht gesichert. Kein Seil, kein Gurt, keine Haken. Nur Osman und der Fels. In 100 Metern Höhe springt er nach oben, fliegt einen Meter an der glatten Wand empor und krallt sich mit allen zehn Fingern wieder in einer Felsspalte fest. Osman hetzt weiter, als ginge es um sein Leben. Und ja, hier geht es wirklich um sein Leben.
Vor einigen Monaten ist diese Speed-Climbing-Sequenz als Film im Internet aufgetaucht. Mehr als eine Million Mal wurde der Clip angeklickt. Er zeigt den Extremsportler auf dem Höhepunkt seiner Karriere 1997 am Lovers-Leap-Felsen in Kalifornien. Osman ist bis heute der schnellste, todesmutigste Kletterer der Welt. Die Route auf den Lovers Leap kannte er so gut wie andere Menschen den Weg vom Bett ins Bad. Für die 120 Meter lange Route braucht er nur 4,25 Minuten. Weltrekord. Ein knappes Jahr später wagte er bei einem weiteren Rekordversuch einen 335 Meter hohen Sprung von einem Felsen in Kalifornien. Ein gewöhnliches Kletterseil sollte seinen Sturz auffangen. Warum es gerissen ist, wurde nie festgestellt.
Dan Osmans Rekordversuche waren bedingungslos und dramatisch. Noch immer weht die Legende des Ausnahme-Mannes durch die Sportwelt wie ein Mythos. Das, was die Huber-Brüder jetzt wie den brutalsten Sport der Welt aussehen lassen, wäre für Osman allenfalls ein Aufwärmtraining gewesen. Osman war der Wagemutigste von allen. Er hatte die Figur eines Turners und lange schwarze Haare. Viele hielten ihn für einen Indianer. Tatsächlich stammte er von einer Samurai-Familie aus den Bergen Japans ab. Schon vor seiner Geburt emigrierte seine Familie in die USA. Sein Vater erzog ihn in der Tradition der japanischen Krieger. Er lernte Aikido, Kung Fu und vor allen Dingen: mutig zu sein.
Mut war eine der wichtigsten Tugenden der Samurai. Sie mussten ihren Ängsten ins Auge sehen. Von ihnen wurde Tapferkeit, Härte, Kaltblütigkeit und Ausdauer erwartet. Osman ist seiner Angst immer direkt in die Arme gelaufen. Die Angst vor dem Tod hat er verfolgt, aufgespürt und ist ihrem Reiz oft erlegen. Mit in die Tiefe gerissen hat sie ihn nie.
Der amerikanische Journalist Andrew Todhunter hat Dan Osman einmal gefragt, wie seine Freundin und seine Tochter damit umgehen, dass er immer und unbeirrt mit dem Tod spielt. "Ich bin dadurch glücklicher, mit ihnen zusammen zu sein", sagte er. "Und ich habe das Gefühl, dass sie mich mehr zu schätzen wissen. Sie wissen, was ich tue, und sind sehr dankbar, dass ich am Leben bin." Osman konnte sich ein Leben ohne Risiko nicht vorstellen. Selbst wenn sein Herz raste und ihm der Angstschweiß den Rücken herunterlief, wollte er logische Entschlüsse treffen können. Er wollte der Angst beweisen, dass sie ihn nicht beherrschen kann, dass er an ihr vorbeikommen konnte.
Er war süchtig nach dem Klettern ohne Seil. Er wusste, dass jeder lockere Stein in der Wand, jeder unkonzentrierte Moment ihn direkt auf den Erdboden schicken konnte. Trotzdem bewegte er sich in unglaublichen Höhen, als gebe es für ihn keine Gefahr. Bald reichte ihm das nicht mehr aus. Er erfand eine neue Leidenschaft: das kontrollierte Fallen. Kletterer haben keine Angst vor der Höhe, sie haben Angst vor dem Fall. Vor dem Moment, in dem die Finger abrutschen, die Muskeln versagen, kaltes Blut in den Kopf schießt und das Herz einen Augenblick aussetzt. Osman begriff, dass nicht das Klettern, sondern das Fallen der beste Weg war, die Angst zu beherrschen.
Leser-Kommentare (4)
wie kann man nur
reicht es nicht zu wissen das er es nicht überlebt hat??? ein bissl mehr respekt wäre wahrlich angebaracht!!!der mann war der verrückteste von uns allen!!! im übrigen hat er das seil nach dem ersten sprung 3 wochen hägen lassen weil er zu abbau der konstruktion zu fertig war.der 2.versuch war reiner leichtsinn.zitat"wenn ich den berg mit hilfsmitteln besteige hat der berg keinen respekt vor mir"








