Agentenhandbuch: 00-Fidibus und der kalte Krieg
Das "einzig wahre Handbuch für Agenten" zeigt, warum die CIA im Kampf gegen die Kommunisten nicht einmal vor der Zauberei halt machte.
Von Max Biederbeck
Fidel Castro hätte tot sein müssen. Es ist ein Wunder, dass der kubanische Revolutionsführer in den 60igern all die Anschläge und Mordkomplotte des amerikanischen Geheimdienstes CIA überlebte: Explodierende Zigarren, vergiftete Zahnpastatuben oder mit Sprengstoff präparierte Muscheln. Einfach nichts wollte klappen. Dabei hatten die Amerikaner professionelle Hilfe. Sie überließen einen Teil der Agentenausbildung einem der größten Zauberer seiner Zeit - John Mulholland.
Das einzig wahre Handbuch für Agenten, Tricks und Täuschungsmanöver aus den Geheimarchiven der CIA
H. Keith Melton und Robert Wallace
Erscheinungsdatum: 26. September 2011
Beschreibung: 256 Seiten, 20,4 x 13,2 x 2,6 cm
Preis: 16,99 Euro
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453173767
Der Kalte Krieg war albern
Die Autoren H. Keith Melton und Robert Wallace haben sich in ihrem "einzig wahre(n) Handbuch für Agenten, Tricks und Täuschungsmanöver aus den Geheimarchiven der CIA" auf seine Spuren gemacht. Was dabei herausgekommen ist, klingt zwar erstmal nach der Beilage eines Micky-Maus Heftchens. Schnell wird aber klar, das gut recherchierte Buch zeigt mit einigem Augenzwinkern: Der kalte Krieg war in Wahrheit ziemlich albern.
Am Anfang der Geschichte steht - wie so oft - die Hysterie der Amerikaner vor dem Feind. Der Koreakrieg hatte Wunden hinterlassen. Es bestand die Angst, die Bündnispartner Nordkorea, UdSSR und China könnten auf bestem Wege sein, die Kunst der Bewusstseinskontrolle zu meistern. Um nicht zurückzufallen, initiierten die USA 1954 das geheime Projekt MKULTRA. Die CIA experimentierte dazu mit neuen Technologien und führte auch geheime Tests mit Drogen wie LSD durch. Einen der Forscher kosteten diese Versuche sogar das Leben. Er blieb auf einem Horrortrip hängen und stürzte sich aus einem Fenster.
Von LSD zur Zauberkunst
Weil das Zeug aber auch irgendwie zum Feind kommen musste, wendeten sich die Agenten schließlich auch der Magie zu. Der dazu engagierte Zauberer Mulholland schrieb deshalb zwei Handbücher. Mit ihrer Hilfe sollten die amerikanischen Agenten unter anderem lernen, wie sie dem Gegner Gifte, Bomben und geheime Dokumente unterjubeln konnten, ohne dabei entdeckt zu werden.
Das Handbuch für Agenten erklärt das so: "Sowohl Zauberkünstler als auch Spione müssen ihre Bühne und das Blickfeld ihrer Beobachter dergestalt manipulieren, dass sie die gewünschte Illusionen erzeugen können." So gesehen schien und scheint es nahe liegend zu sein, die Welt von 007 und Hudini zu verbinden.
Eine so entstandene Erfindung ist die "Pfiffige Münze", die Mulholland aus einem 1921er Silberdollar anfertigte. "Sie öffnet sich, wenn man sie zwischen Daumen und Zeigefinger nimmt und sanften Druck auf das geprägte "peace" ausübt", heißt es im Handbuch. Ein ideales Versteck für Gifte und Geheimnachrichten.
Des Zauberers Werk
Die Pfiffige Münze ist eins von vielen Beispielen, die in den beiden Manuskripten "Praktische Anwendungen der Illusionskunst" und "Erkennungszeichen" zu finden sind. Sie gehören zu den wenigen Dokumenten, die von MKULTRA übrig geblieben sind. Und weil sich die Anleitungen zur Magie so spektakulär lesen, haben die Autoren Melton und Wallace des Zauberers Werk einfach abgedruckt.
Nun könnte man den beiden vorwerfen, sie hätten es sich mit dem Verfassen des Handbuchs für Agenten einfach gemacht. Fremdes Material abdrucken, ein wenig überarbeiten und ein paar Bilder dazu - fertig. Gerade die einleitenden 100 Seiten des Buches sind allerdings ausführlich recherchiert, inklusive Quellenaufführung am Ende. Sie zeigen mit einiger Ironie zwischen den Zeilen, welche Merkwürdigkeiten der kalte Krieg hervorgebracht hat. Mulhollands Originaldokumente erscheinen dann eher wie zusätzliche durchaus praktische Lerntipps.
So wird das Handbuch für Agenten vom Gefühl her irgendwie zu zwei Büchern. Im positiven könnte das bedeuten: Forscher der Zeitgeschichte werden genauso fündig wie Zauberlehrlinge. Im negativen: Die eine Hälfte der Leserschaft schaltet nach Teil Eins ab, die andere fängt mit Teil Zwei erst an. Beide Teile haben aber durchaus einen gewissen Charme. Schließlich wollten wir alle doch schon einmal Agent oder Zauberer werden. Sicher, weltbewegende und revolutionäre Literatur ist das Handbuch für Agenten nicht. Spannend und lustig ist es allemal. Übrigens: Ein im Buch erwähnter Plan zielte auch auf Fidel Castros Bart ab.
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