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Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag - Foto Nico Klein Allermann "90 Tage, 90 Betten" Christine Neder

 

90 Nächte, 90 Betten: "Ich  freue  mich  über  alles"

Da sitzt sie, die junge hübsche Frau, mit einen Glas Wasser vor sich, im Café Jasmin in München. Und dann verrät Christine Neder MAX, wie sie sich von Bett zu Bett schlief, ohne dabei ihre Freude, ihren Witz und ihre Sicht auf die Welt zu verlieren.

Von Julian Rohrer

MAX Online: Gab es bei der 90-Tage-Reise durch 90 Betten verschiedene Phasen?

Christine Neder: Ja. Bis zur Hälfte ging alles supergut. Dann kam Tag 45, an dem ich ja eine kleine Pause hatte. Bis Tag 60 lief es sehr gut weiter - dann bin ich ein Wochenende in München fremdgegangen. Dort traf ich viele Bekannte. Danach wurde es zäh. Die Rückreise-Nacht im Zug war nicht sonderlich gut. Und die Zeit danach ging ordentlich an die Substanz. Dafür war der Endspurt wieder richtig cool. Wegen dem Spiegel-Online-Artikel habe ich viele Einladungen bekommen und mir ein paar Highlights herausgepickt - wie den Tempel, die Familien oder die Hundemamis.

Wer hätte den Soundtrack zu dieser Reise und den Phasen geschrieben?

Auf jeden Fall "Bon Iver". Und "The XX". Das sind auf meine Lieblingsbands, die ich auch auf dem mp3-Player gehört habe. Die haben mich schon begleitet. Aber ich habe auch viel Neues kennen gelernt. Einmal hab ich mit einem Gastgeber Tatort geschaut, darin kam ein geiler Song vor: ‚Hide And Seek‘ von "Imogen Heap".

Ist Musikhören mit Kopfhörern eine Möglichkeit, privaten Raum zu schaffen?

Ich hatte sie tatsächlich nur selten auf. Es war wohl die Zeit, in der ich am wenigsten Musik gehört habe, da der iPod oft im Auto lag. Die Intimität kam eher durch die Sachen, die ich dabei hatte: meinen Schlafsack und mein Kissen. Das war mein Zuhause.

Sie danken in Ihrem Buch ihren Freundinnen für ein Couchsurfing-Survival-Paket. Was war da drin?

Ein kleines Kissen, Sakrotan-Tücher - die ich übrigens fast nie gebraucht habe, nur um meinen Laptop sauber zu machen -, außerdem ein paar Dinge wie eine Flasche Sekt, falls ich mit einem Gastgeber nicht so richtig warm werde, oder Süßigkeiten besonders Nette, ein Notizbuch, einen Stift...

Teilen Sie den Eindruck, dass sich ihr Schreibstil über die Zeit hinweg verändert hat, die Einträge runder geworden sind?

Voll, ja! Ich habe von vielen Gastgebern Bücher bekommen. Ich denke, dass man seinen Schreibstil auch ändert, wenn man etwas anderes liest. Meistens verbessert er sich, wenn man viele Bücher liest. Andererseits kommt man durch das tägliche Schreiben auch besser rein. Irgendwann ist man drin. Am Schluss hatte ich dann nur noch wenig Zeit zum Bloggen, da ich parallel schon an meinem Manuskript gearbeitet habe. Als ich das Buch geschrieben habe, hatte ich richtig viel Zeit. Da kam alles nochmal hoch. Nicht nur die Zeit des Couchsurfings, sondern eigentlich mein ganzes Leben.

Sie hatten ja letztens auch eine Lesung auf der Leipziger Buchmesse...

...ja, das hat mich wirklich sehr geehrt. Auf der Litpop konnte ich dort zum Beispiel neben Markus Kavka mein Buch vorstellen. Lustigerweise kam nach der Lesung einer meiner Gastgeber auf mich zu. Zuerst war ich mir nicht sicher, woher ich die Person kenne, zumal er auch ein bisschen anders aussah, aber dann haben wir uns schnell wieder gut verstanden.

Zunächst war Ihr Blog anonym. Wie war der Schritt aus der Anonymität in eine gewisse Prominenz?

Ich glaube, ich bin ziemlich bodenständig geblieben. Ich freue mich über alles was passiert, und mache aber auch keinen Act daraus. Letzendlich ist es aber so, dass man als anonymer Schreiber eher distanziert von sich selbst schreiben kann - so muss man zu allem stehen, was man schreibt.

Wie waren die Reaktionen der Gastgeber auf Ihre Texte?

Sehr positiv. Viele waren überrascht, wie und vor allem was ich dann letztendlich über sie geschrieben habe. Mit der Zeit konnte ich auch ganz anders reflektieren. Ich hatte durch das, was mir die Gastgeber erzählt hatten, auch eine große Verantwortung. Vieles war sehr privat. Ich musste sehr genau auswählen, was ich schreiben will - und darf. Durch die Anonymität der Einzelnen durfte ich aber sehr viel schreiben. Und das finde ich einfach toll.

Ist es naiv, sich 90 Nächte lang in fremde Betten zu legen?

Es kommt drauf an, wie man dran geht. Ich bin ja nicht blöd und habe mich intensiv vorbereitet. Auf den Couchsurfingprofilen kann man sich umfassend über die Leute informieren und ein gewisses Maß an Sicherheit schaffen. Auf der anderen Seite konnte ich natürlich auch Offenheit erwarten, denn wer sich bei Couchsurfing anmeldet, interessiert sich ja auch für seine Gäste. Und das hat eigentlich immer geklappt - auch wenn man vielleicht einen ganzen Abend braucht, um mit dem Gegenüber warm zu werden. Aber diese Zeit hat man ja.

Wie ist das mit den Nacktshootings? In Ihrem Buch beklagen Sie sich über diesen Berliner Hype, aber die Fotos Ihrer Kollektion sind ja zum Teil auch recht nackig... Ja, das wollte mein Professor so! Warum, weiß ich allerdings auch nicht mehr. Aber in Berlin waren das mehr solche Fotos mit Fesseln und so. Das brauche ich nicht unbedingt, auch wenn ich jederzeit Fotos mit den Fotografen machen könnte...

Viele Leser ihres Blogs zweifeln an Ihrer Mission und haben recht negative Kommentare geschrieben. Wie gehen Sie damit um?

Es gibt zwei Arten von negativen Kommentaren: beleidigende und konstruktive. Die Konstruktiven finde ich toll und lese sie gerne, da ich absolut nicht kritikresistent bin. Bei den anderen Kommentaren geht es wohl häufig nur darum, etwas schlecht zu finden. Besteht die Meinung einmal, bringt es auch nichts, darauf einzugehen. Leider. Wichtig ist mir, dass meine Einträge niemals beleidigen oder verletzen sollen. Sie sind einfach meine persönliche Sicht auf die Welt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


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