Es gibt auf der Wiesn nur ein Maß für das Bier: die Maß (abgesehen vom Weißbierkarussel, da gibt es auch Halbe). Doch wieviel ist eine Maß? Ein Liter, so wie vorgeschrieben, im seltensten Falle, meint der Verein gegen betrügerisches Einschenken (VGBE e.V.). Über 80 Mal hatten sie sich in dieser Woche in zwölf Zelten einen Krug Bier kommen lassen und das Maßband angelegt. Das Ergebnis: "Die Ein-Liter-Maß ist auf der Wiesn nach wie vor so selten wie ein Sechser im Lotto", so der Präsident des Vereins, Jan-Ulrich Bittlinger.
Das Ausschenken ist regelmentiert und wird kontrolliert
Die Kellnerinnen und Kellner sind Freiberufler, sie kaufen das Bier vom Festwirt und verkaufen es an die Gäste weiter. Ausgeschenkt wird das Bier von den Schankkellnern. Sie sind laut Betriebsverordnung der Stadt für das Oktoberfest verpflichtet, zum Eichstrich einzuschenken. Verstoßen sie dagegen öfters, darf ihnen die Stadt sogar verbieten, weiter als Schankkellner zu arbeiten. Für die Schankkellner ist wiederum der Wirt verantwortlich. Der müsste sogar fürchten, im Folgejahr nicht mehr als Wiesnwirt zugelassen zu werden, wenn die Schankkellner nicht richtig ausschenken. So weit, so juristisch. In der Praxis gesteht man den Schankkellnern eine Toleranz zu. Schließlich, so das Argument, sei Einschenken Handarbeit, da könne es schon zu Fehlern kommen.
Sieben Lebensmittelkontrolleure des Kreisverwaltungsreferats sind täglich auf der Wiesn unterwegs. Sie untersuchen stichprobenartig die Ausschankkultur, positionieren sich dafür nahe bei der Küche und lassen sich von rausmarschierenden Bedienungen Krüge aushändigen. Nach drei Minuten Wartezeit, so dass der Schaum sich setzen kann, setzen sie ein Eichmaß an. Ist der Bierpegel mehr als 14 Milimeter unter dem Eichstrich (das entspricht etwa zehn Prozent Unterschank oder 0,9 Liter Bier) wird der Schankkellner mündlich verwarnt. Im letzten Jahr passierte das 70 Mal, dazu kamen drei schriftliche Abmahnungen wegen wiederholten Schlechteinschenkens. Ein Beschäftigungsverbot wurde bisher noch nie erteilt. Die Wirte, die auch über die Warnungen informiert werden, kümmern sich vorher um ihre Schankkellner.
Zwischenstand für 2011
Und wie sieht es denn auf der aktuellen Wiesn aus? Von offizieller Seite wurde bis gestern, den 21. September 2011, eine mündliche Verwarnung ausgesprochen. Zu weit schlechteren Ergebnissen kommt der Verein gegen betrügerisches Einschenken: Der hatte diese Woche seine eigenen Kontrollen durchgeführt und das Bier ganz normal bestellt: Von 84 Krügen erreichte der Bierpegel bei 52 nicht mal die 0,9 Liter. Einen ganzen Liter hatten die Kontrolleure nie vor sich. Allerdings ging es bei manchen Zelten wie dem Hacker recht knapp aus. Dort lag der Durchschnitt bei 0,94 Litern und zwei der sieben bestellten Massen waren immerhin bei 0,98 Litern. Deutlicher das Ergebnis bei der Fischervroni: 0,83 Liter im Durchschnitt, in zwei Krügen fanden sich dabei nicht mal 0,8 Liter Bier. Das Problem sieht der Verein bei eben der Toleranzgrenze, die für Frieden sorgen sollte - die Schankkellner schenken bewusst auf 0,9 Liter aus, meint Bittlinger.
Der Anschuldigung widersprechen natürlich die Festztelte. Ein Sprecher des Zeltes der Fischer-Vroni meine, er könne sich die schlechten Zahlen nicht erklären. Es sei wohl möglich, dass bei einem neu angestochenen Fass durch den höheren Druck es beim Ausschenken zu Irrtümern gekommen sei. Um das zu verhindern, hätte das Zelt dieses Jahr sogar eine weitere Schenke aufgebaut.
Streitfall Toerlanzgrenze
Der Streit um die wahre Maß wird wohl weitergehen. Letztes Jahr waren bei den offiziellen Überprüfungen des KVR 85% der Krüge innerhalb der Toleranz. Der VGBE-Präsident sieht dagegen hinter der Toleranzgrenze sogar ein Politikum: Der Oberbürgermeister wolle sich mit den Festzelten und ihrer Lobby gut stellen für den anstehenden Wahlkampf, bei dem er den amtierenden Ministerpräsidenten Seehofer herausfordern werde. "Es muss wirklich nicht sein, dass ein Oberbürgermeister Ude, der als Ministerpräsident antreten will, die selben Großkopfern verteidigt wie der Amtsinhaber", ärgert sich Bittlinger. Gemäßigter sieht es Daniela Schlegel vom KVR: "Insgesamt sind unsere Erfahrungen gut. Aber auch in unserem Sinne wäre es, wenn der Krug besser eingeschenkt wird."
Feiern und gelassen bleiben
Und was tut der Wiesngast, der vor einer Maß sitzt, die nur aus Schaum und Luft besteht? Es gibt sogar schon eine App zum Biernachmessen (Bier-Inspektor), wer's genau haben will. Wer wirklich nachgeschenkt haben möchte, sollte nicht warten, sondern sofort mit dem Bierkrug zum Ausschank gehen und Korrektur verlangen. Starke Nerven braucht der Gast allerdings schon, denn der Schankkellner wird wahrscheinlich den Krug überprüfen, ob nicht doch irgendwo Anzeichen sind, dass schon abgetrunken wurde. Und je später der Abend, desto gestresster das Personal. Gute Bayerischkentnisse (auch zum Verstehen der Flüche) sind hier defintiv ein Vorteil. Ansonsten gilt: Auf der Wiesn sind wir zum Feiern, nicht zum Streiten.
Wie die anderen Zelte beim Test des Vereins abgeschnitten haben, sehen Sie in unserer Bildergalerie.
INHALT
Seite 2:Gutscheine Einlösen
Seite 3:Bayern-Fußballer auf der Wiesn
Seite 4:Alte Attraktionen der Wiesn
Seite 5:Dirndl oder Lederhose?
Seite 8:Dirndl-Dekolleté Kalender
Seite 9:Wiesn-Jause
Seite 10:Raucher-Reservate
Seite 11:Halbzeit auf der Wiesn
Seite 12:Das Italienerwochenende
Seite 13:Trinken und Flirten
Seite 14:Zu klein, die Mass!
Seite 15:After-Wiesn-Clubs
Seite 16:Kater-Hilfe
Seite 17:Triff das Essen auf der Wiesn
Seite 18:Balz-Apps für die Wiesn
Seite 19:Oktoberfest Hausmittel
Seite 20:Die Wasser-Wiesn
Seite 21:Die Wiesn der Reichen und Schönen
Seite 22:Keine Panik auf der Wiesn
Seite 23:Wiesnrekorde
Seite 24:Madln und Burschn
Seite 25:Das fließt in die Kehle
Seite 26:Dirndl für wilde Dirndl
Seite 27:Zünftige Burschen
Seite 28:Wiesn-Aufbau
Seite 29:Fest-Programm
Seite 30:Getränkepreise
Seite 31:Bierzelte
Seite 32:Anreise
Seite 33:After-Wiesn
Seite 34:Insidertipps
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Leser-Kommentare (1)
einschenken
es sollte mehr kontroliert werden
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