Improvisation: Trash-TV im Theater
Es ist wie bei einer Teenager-Party. Die Eltern haben die Wohnung gerade verlassen, alles noch schön aufgeräumt. Etwa neunzig Minuten später sieht es aus, als hätte "eine Bombe eingeschlagen", wie Mutter sich gern empört. Tische und Stühle wurden umgekippt, Bananenflecke auf dem Boden, Bücher überall verteilt, Kekse und Wäscheklammern unter den Teppich gekehrt.
Von Susanne Dickel
Die Party findet allerdings nicht in der sturmfreien Bude statt, sondern im Carl-Orff-Saal des Gasteig. Eigentlich ist es auch gar keine Party, sondern eine Performance von Regisseurin Cuqui Jerez (sprich: Kuki Cheresss), den Schauspielerinnen María Jerez und Amalia Fernández und Techniker Gilles Gentner. Wie bei einer guten Party gibt's beim Improvisationstheater keine Regeln, außer dass ein Klingeln die Vorstellung nach 90 Minuten abrupt beendet. Natürlich genau dann, wenn's am schönsten ist. Diesmal sind es allerdings nicht die Polizisten vor der Tür, sondern der Wecker von Cuqui.
Singen, tanzen, Cowboy sexual Aerobic
In der Zwischenzeit lassen María und Amalia sich einiges einfallen: Sie reiten auf Tisch und Stühlen in den Sonnenuntergang, schwingen dabei anstelle eines Lassos eine Lamettagirlande und summen Westernmusik dazu. Sie halten sich Gläser vor den Mund und ahmen die Atem-Geräusche von Darth Vader nach. Sie dekorieren sich gegenseitig als Unfallopfer, jeweils mit Bananenschale daneben. Sie singen, sie tanzen, sie machen "Cowboy sexual Aerobic", was so viel heißt wie in Cowboyboots Spagat machen.
Denkt nicht so viel!
Während María und Amalia von einer Idee zur anderen springen, kommentiert Cuqui auf ihrem Laptop. Ihre Assoziationen erscheinen sofort auf der Leinwand, lesbar für das Publikum aber nicht für die beiden Schauspielerinnen. Mal erklärt sie, welche Elemente schon mal ähnlich auftauchten wie zum Beispiel ein tonloses Gespräch zwischen den beiden, mal fordert sie ungeduldig das, was sich der Zuschauer denkt: "Macht doch endlich weiter, lasst euch was Neues einfallen!" Und vor allem: "Denkt nicht so viel!"
Sprung ins Leere
Im Gespräch erklärt Amalia später: "Wenn eine Idee nicht funktioniert, darf man nicht so viel nachdenken. Man muss fühlen, was kommen soll." Und María ergänzt: "Es ist wie ein Schritt ins Leere. Man muss sich trauen, da hineinzuspringen, ohne zu wissen, was danach kommt."
Nicht, dass alle im Publikum begeistert wären. Zwei Frauen sitzen mit geschlossenen Augen da, als würden sie gleich einschlafen. Eine davon steht nach einer Viertelstunde auf und drängt sich nach draußen. Was natürlich sofort von Cuqui über die Leinwand kommentiert wird: "Jemand verlässt den Saal!"
Dschungel-Prüfung auf der Bühne
Durchaus nachvollziehbar, denn es gibt immer mal wieder Längen, wenn die beiden Performerinnen nicht wissen, was sie tun sollen. Und als sie auf Mandarinenschalen herumkauen, hat das was von einer Prüfung im Dschungel-Camp. Inklusive des Ekel-Gefühls beim Zuschauer. Da hat es sein Gutes, dass keine Szene lang bestehen bleibt und bald lacht wieder der ganze Saal. Na gut, fast der ganze.
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