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Regine Heiland für Spielart Nachtblau

 

Performance: Hirnschmelze:  Philosophie  im  Dampfbad

Das Hirn schwitzt, die Haut denkt - oder umgekehrt? In einem Münchner Dampfbad schwitzen nackte Philosophen bei der Veranstaltung "Nachtblau" friedlich im Wortnebel, bis plötzlich einer ausrastet.

Von Lisa Altmeier

Wenn um Sie herum zwanzig Nackte schwitzend einem philosophischen Essay lauschen, dann sind Sie nicht in einer Hippie-Kommune gelandet, sondern im Müllerschen Volksbad in München. Hier philosophiert auch nicht Rainer Langhans, sondern Barbara Balsei. "Nachtblau" heißt der Wahnsinn, bei dem große Philosophen und solche, die es gerne wären, sich im Dampfbad geistigen und körperlichen Ausschwitzungen hingeben.

Alle tropfen, alles klebt

Barbara Balsei, eine junge, schöne Philosophin, öffnet den Mund und wir Zuschauer unsere Poren. Sie will uns zeigen, wie Sprache unsere Welt verändert. Nackt tanzt sie vor uns herum, während Schweiß von der Decke auf mein Bein tropft. Acht Lichter flackern in den scheußlich gelb-grünen Dampfbadhallen. "Wir befinden uns hier zwischen sozialer Realität und sozialer Fiktion!" Balsei hat eine laute, feste Stimme. Nicht alle haben sich getraut, ihr Handtuch abzulegen: Eine ältere Dame mit beschlagener Brille hat ein großes Tuch umgebunden, auf dem Tuch sind nackte Menschen drauf. Sie tropft. Rote Gesichter überall.

"Wir sind nicht hier, um sauber wieder nach Hause zu gehen, sondern um gemeinsam dreckig zu lachen", sagt Balsei und zwei Männer rollen mit den Augen. Die ältere Dame aber nickt. Mein Notizblock klebt, wie alles hier und ich sehe die anderen nur noch durch einen Nebeldunst. Eine Frau mit kurzen, schwarzen Haaren sieht aus, als fiele sie gleich in Ohnmacht und verlässt das Schauspiel eilig und mit gelbem Gesicht.

"Kannst du deinen Psycho-Scheiß bitte woanders machen?"

Balsei springt zur Dampfmaschine, wirft sie an, um gleich darauf mit noch lauterer Stimme weiter zu tönen: "Als wäre Sprechen nicht schwer genug." Dicke und dünne dampfende Bäuche und Brüste wackeln im Takt ihrer Worte. "Durch den Zugang zur Artikulation differenziert sich das Ich und die anderen", sagt Balsei wild gestikulierend. Oder sie sagt etwas, das so ähnlich klingt. Ich weiß es nicht, denn die Maschine ist sehr laut, die nackten Körperteile lenken mich ab und mir wird schwindlig. Mein Hirn schmilzt, mein Körper auch und alles tropft an mir herunter und vermischt sich mit der Nässe der mich Umgebenden. Mein Notizblock löst sich in seine Bestandteile auf, der Kugelschreiber greift nicht mehr auf diesem lapprigen Schweißaufsauger, den ich in meinen Händen halte. Aber ich kann ja ohnehin keine Buchstaben mehr sehen. Ich kann ja kaum mehr die nackten Körperteile der anderen erkennen.

Balsei geistert ekstasisch durch den Raum, beschwört den Zugang zur Artikulation, als sie plötzlich von einer aggressiven Männerstimme unterbrochen wird: "Okay, Mädchen", sagt ein junger Pferdeschwanzträger (Kopfhaar), "Du hattest jetzt deine dollen fünf Minuten. Kannst du deinen Psycho-Scheiß bitte woanders machen?" Die ältere Dame schüttelt verwirrt den Kopf. Ein paar andere grinsen. Er wird lauter: "Wenn du eine Plattfform suchst, dann veröffentliche das Zeug bei Facebook oder sonstwo, aber wir sind hier, weil wir uns entspannen wollen! Ich will meine Ruhe!" "Aber ...", will Balsei entgegnen, doch der Philosophieverächter brüllt: "Ich habe keinen Bock mehr auf den Scheiß!" "Aber wir haben Bock drauf!", ruft die ältere Dame. Fünf andere nicken zustimmend. Dem Rest ist jegliche körperliche Kraft entwichen. So wie mir. Mir ist sehr, sehr heiß und meine Augen tropfen, so dass es mir schwerfällt, sie offen zu halten. Die ältere Dame lockert ihr Tuch und schaut den Brüller böse an.

Schweiß wippt im Hirn

Balsei hat eine Idee. Sie öffnet die Tür, ein Hauch Erfrischung weht hinein. Endlich Atmen! Auf der Außenseite der Tür, klebt ein Zettel, auf den jemand in krakeliger Handschrift "Heute 17.30 Nachtblau vom Spielart-Festival" geschrieben hat. "Wir sind doch extra deshalb hergekommen", sagt ein ergrauter Herr. Der Krawallmacher schlägt sich mit der roten, nassen Hand an den Kopf und wird plötzlich ganz brav. Er entschuldigt sich und alle haben sich wieder lieb. "Genau solche Momente meine ich", sagt Barbara Balsei. "Denn hier wird die soziale Realität mit der sozialen Fiktion konfrontiert." Wie in den Momenten, in denen man über Träume spricht. Denn dann "vermischen sich Innen und Außen." Ihre roten Fingernägel stochern im Dampf. Der Querulant von eben ist auf einmal der aufmerksamste Zuhörer aller Zeiten. Bei jedem Wort nickt er zustimmend. Mitten in einem Satz, den ich vor lauter Dampf wieder nicht verstehen konnte, hüpft Balsei zum großen Brunnen in der Mitte des Raumes und spritzt sich Wasser ins Gesicht. "Danke schön", sagt sie - und das war‘s dann auch schon.

Ein bisschen zu kurz für meinen Geschmack, aber überall an meinem Körper kleben Worte und in meinem Kopf wippt Schweiß herum. Meine Artikulation ist gestört, meine Notizen verwischt und natürlich stinke ich nach mir und nach anderen. "Bei dieser Veranstaltung bemerkte man wieder einmal ganz deutlich den Unterschied zwischen Männern und Frauen", doziert die ältere Dame beim Verlassen des Dampfbads. Erst denke ich, dass mir in der Performance die Tiefe gefehlt hat, dann fällt mir auf, wie tief der Schweiß der anderen in mich eingedrungen ist und dass das alles hier meine Haut und mein Hirn erweicht hat. Bitte München, mehr davon!

Nachtblau ist Teil der Reihe DO TANK vom Spielart-Festival. Das Festival dauert noch bis Sonntag, den 4. Dezember. Infos zum Programm gibt unter www.spielart.org

Eindrücke von der philosophischen Performance gewinnen Sie in unserer Bildergalerie zu "Nachtblau".

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