München entdecken: Viva España auf der Münchner Freiheit
Eine rote Blume in schwarzem Haar, schwingende Röcke, eine Geschichte von Blut, Tränen und Amorrrr. Wir sind in München Schwabing, im Theater Heppel und Ettlich.
Von Susanne Dickel und Simon Heinrich
Mitten hinein in spanisches Lebensgefühl wirft das Ensemble von "Sangre en los Tacones" (Blutige Absätze) die etwa hundert Zuschauer, die sich in den engen Stuhlreihen im ersten Stock über dem Restaurant Drugstore drängen. Dort, in der Feilitzschstraße im Münchner Stadtteil Schwabing, befindet sich das Theater "Heppel und Ettlich", eine versteckte Institution mit Kultur zum Anfassen.
Da gibt Ernesto Garzón als Severo Morales das Ebenbild eines spanischen Machos: zurückgegelte Haare, blütenweißes Hemd, Oberlippenbart, flirtet mal mit dieser, mal mit jener Frau. Und doch quält ihn eine sehr deutsche Sorge: die Steuererklärung.
Sag, wie hältst du's mit der Religion?
Ins Auge fällt die Religion zuerst als Papst-Foto an der Wand, doch die eigentliche Gottheit herrscht allein als unsichtbare Drohung: "Hoffentlich hat dich das Finanzamt nicht gehört", betet Severo, als Ehefrau Margara (gespielt von Cecilia Bolaños) seinen Geiz verflucht. Deren Heiligtum wiederum ist der Fernseher. Für den geht sie über zumindest eine Leiche, nämlich die Severos, als er das Gerät an die Nachbarin verpfändet. So bekommt Margara ihren Götzen zurück, doch natürlich hat sie ein neues Problem am Hals: Wie entledigt sie sich der Leiche?
Eine Geschichte von allem
Autor Humberto Robles erzählt in "Sangre en los Tacones" eine kleine Geschichte von allem. Die großen Themen Religion, Liebe und Geld bedenkt er mal mit einem freundlichen Augenzwinkern, mal mit ätzendem Sarkasmus. Margaras beste Freundin, Travestiekünstlerin Ninón (gespielt von Carlos Aparicio), hält Amerika für ein zivilisiertes Land: "Da kommen Mörder auf den elektrischen Stuhl. Oder in die Gaskammer. Oder waren das die Nazis?" Und Pepe Perez (Diego Sachella) ließ die Arbeitslosigkeit zum Bankräuber werden: "Das ist der einzige Beruf, für den man weder einen Schulabschluss, noch Erfahrung oder ein Empfehlungsschreiben braucht", erläutert er Margara, bei der er auf seiner Flucht vor der Polizei landet.
Theater als Spektakel
Robles spielt mit den Sujets, Regisseurin Cecilia Bolaños mixt die Stile dazu: "Es soll nicht nur Theater sein, sondern ein Spektakel", erklärt sie. Und spektakulär ist die Mischung allemal: Bolaños‘ Darsteller müssen nicht nur spielen, sondern auch tanzen und singen wie im Musical. Wobei letzteres nicht allen gelingt. Die spanischen Rhythmen dazu stammen nicht vom Band, sondern von der dreiköpfigen Live-Band. Als Margara die Leiche versteckt, trippelt sie wie im Zeitraffer über die Bühne. Und natürlich präsentiert Ninón auch ein wenig von ihrem Show-Talent... Der Beamer an der Decke blendet nicht nur die Übersetzungen ein, sondern er zeigt als Sidekick Filmeinspielungen über "Los Vecinos" (die Nachbarn). Wobei hier gegen Ende besser das Prinzip "weniger ist mehr" Anwendung gefunden hätte: So hätte sich der Zuschauer selbst genüsslich ausmalen können, wie sich die Nachbarin ein Beispiel an Margara nimmt; und das in weitaus bunteren Farben, als es das Filmchen vermochte.
Ein Stück für jeden?!
"Sangre en los Tacones" ist ein Stück voller Moral, ohne zu moralisieren. Wer sich unterhalten möchte, kann sich zurücklehnen und den Wortwitz genießen. Und natürlich das Spiel der Darsteller, allen voran das von Aparicio als geniale Travestiekünstlerin Ninón. Aber eigentlich will Bolaños mehr, nämlich Integration - ganz im Sinne eines Post-Sarrazin-Deutschlands. "Mit dem Theater möchten wir nicht nur unter uns bleiben, sondern uns öffnen", erklärt die Regisseurin. Aber geht das überhaupt? Oder versteht ein Deutscher vielleicht doch nur Spanisch, wenn er sich ins Theater Heppel und Ettlich verirrt?
Aus der Sicht eines "Unbeteiligten"
Um dieser Frage nachzugehen, haben wir das Theater zu zweit besucht. Sie kann fließend spanisch, er ist bis auf "Paella" vollkommen blank. Doch erstaunlicherweise haben beide am Ende das Stück verstanden. An Simplizität der Themen kann es nicht gelegen haben. Und ein bekanntes Schauspiel à la Faust, dem man selbst dann folgen kann, wenn es in einer fremden Sprache aufgeführt wird, war es auch nicht.
Wie haben es die Macher also geschafft, alle Zuschauer in ihren "Bann" zu ziehen? Obwohl sich schon beim ersten Lacher anhand einiger ernster Mienen zeigte, dass manche Zuschauer "nur spanisch verstehen"?
Mimik, Gestik, Untertitel
Der erste Trick ist der Untertitel. Dieser wird jedoch entgegen seines Namens oberhalb der Schauspieler eingeblendet. Die Übersetzungen von Johannes Mühle - laut dem spanischsprachigen Teil des Publikums fast immer bestens gelungen - führen den "tauben" Besucher in die Geschichte ein.
Allein das Lesen eines solchen Textes zieht jedoch die Aufmerksamkeit von der Bühne ab, sodass es schwer ist, dem Theaterstück die ganze Zeit visuell zu folgen. Dieses Problem wird aber durch die Darsteller behoben. Denn allein deren Mimik und Gestik ist so ausgeprägt und teilweise extrem, dass man getrost auch mal den Blick vom Untertitel auf die Bühne schweifen lassen kann, um allein mit den Augen die Geschichte zu verfolgen. Hier ist besonders Cecilia Bolaños zu nennen, die eine Schauspielausbildung in Mexico genossen hat.
Der Witz macht den Unterschied
Die letzte Brücke zum "sprachbenachteiligten" Zuschauer wird jedoch durch den Humor des Stückes geschlagen. Ob es nun der "tote" Severo ist, der am Boden liegend für das nächste Lied die Rasseln schwingt, die nervös tippelnde Ehefrau oder doch der sympathische Bankräuber Pepe. Die nonverbale Komik dieses Stückes ist mit den Händen greifbar, sodass in vielen Situationen der Einsatz der Ohren überhaupt nicht mehr notwendig ist.
Mehr, mehr, mehr!
Dieses Stück macht Lust auf mehr. Lust auf mehr Aufführungen in diesem Theater, das durch seine Enge und Einfachheit einen Charme ausströmt, den man schwer beschreiben kann und selbst erlebt haben sollte. Lust auf mehr Aufführungen dieses Ensembles, das allen Zuschauern einen herzerfrischenden Abend bietet.
Und zu guter Letzt Lust auf mehr Spanisch (wohlgemerkt eine Aussage des Teils von uns, der kein Wort Spanisch spricht). Denn diese ausdrucksstarke Sprache ist nicht nur auf der Bühne etwas Besonderes. Der Zuschauerraum glich vor, während und nach dem Theaterstück einem kostenlosen Sprachkurs. Der Spaß an der Sprache war in jedem Gespräch zu hören, das entweder auf Spanisch oder über spanische Themen geführt wurde. Und der Zuschauer zu meiner Rechten übersetzte mir ungefragt und sichtlich stolz jedes Wort, das nicht in den Untertiteln erschien: War er doch vor kurzem in Buenos Aires auf Sprachreise gewesen und hatte die Sprache erst "frisch" gelernt.
Alles in allem kann auch der nicht spanisch sprechende Zuschauer 95 % des Theaterstückes verstehen. Und zumindest ich habe mit Hunger auf die weiteren 5 % das Theater wieder verlassen.
Sehen Sie mehr vom Stück in unserer Bildergalerie zum spanischen Theater.
- Hier können Sie einen passenden und weiterführenden Link zum Thema vorschlagen.
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