Perfekte Nacht in ...: Budapest!
Als "Paris des Ostens" gilt Budapest. Gut, so vermarktet sich zwischen Leipzig und Shanghai fast jede Stadt. Zumindest das Nachtleben der ungarischen Hauptstadt muss sich vor dem der französischen aber wirklich nicht verstecken.
Von Tobias Schulze
Unsere perfekte Nacht in Budapest - sie beginnt in der Imbissbude. Der Sightseeing-Tag war anstrengend genug: Burgpalast, Markthalle, Thermalbad, am Ende noch schnell ein Foto vor dem Parlament am Donauufer. Jetzt brauchen wir erst mal eine Grundlage für den Abend. Also schlendern wir die prächtige Alkotmány-Straße hinauf, lassen die Kuppel des Parlaments hinter uns und stehen schließlich vor dem schmalen, zweistöckigen Laden. "Hummus Bar Budapest" steht in gelber Leuchtschrift über dem Fensterbogen. Dann mal rein.
Zugegeben: Pürierte Kichererbsen klingen nicht nach ungarischer Küche. Aber auch ohne Gulasch, Salami und Palatschinken muss in Budapest niemand verhungern. Die Stadt beheimatet eine der größten jüdischen Gemeinden Europas - das schlägt sich auch in der Gastronomie nieder. Eine koschere Pizzeria hatten wir schon am Nachmittag gesichtet, von einer entsprechenden Vinothek haben wir auch gehört. Und nun eben die Hummus Bar mit ihrem israelischen Fastfood. Zur Hummusplatte mit Fladenbrot gibt es je nach Wahl frisch frittierte Falafelbällchen, gekochte Champignons oder Bohnen. Haute Cuisine ist das nicht. Die deutsche Durchschnitts-Dönerbüde mit ihren Falafel aus der Mikrowelle kann gegen die Hummus Bar aber abstinken.
Mojitos in der Waldkulisse
Ein paar Minuten zu Fuß und wir stehen in der Nagymezö-Straße. Die Fußgängerzone ist die Ausgehmeile Budapests. Urige Kneipen wechseln sich mit Restaurants und kleinen Cafés ab. Dazwischen stehen zwei Musical-Theater und ein billiger Abklatsch des Moulin Rouges. Daher also das Etikett vom "Paris des Ostens"? Egal, uns ist eh nicht nach Cabaret. Stattdessen steuern wir die Instant Bar an und stehen plötzlich im Wald.
Ganz richtig, im Wald. Eine Gruppe Künstler hat hier vor ein paar Jahren zwei runtergekommene Bürgerhäuser übernommen. Den Innenhof haben sie überdacht und mit Tierfiguren ausstaffiert. Durch die Luft hoppelt eine Horde Hasen, auf dem Ventilator sitzt eine Eule und breitet ihre Pappmache-Flügel aus. Hinter der Bar hängt ein Braunbär mit einem Reh und einem Wildschwein ab - als Cutouts aus Papier an die Wand gepflastert. Auch die anderen Räume sind sorgfältig dekoriert. In einem hängt zum Beispiel eine komplette Zimmereinrichtung kopfüber von der Ecke - inklusive vollem Aschenbecher. In dem Gebäudekomplex ist nicht nur eine Bar untergebracht. Auch Ausstellungsräume, ein Konzertkeller und einige Hostelbetten gehören mit zum Instant.
Das Bier gibt es hier aus der Flasche, die Cocktails sind billig und stark: Ungefragt schüttet der Barkeeper die doppelte Menge Rum in den Mojito. So schmeckt er dann auch - aber was anderes erwartet hier auch niemand. Ein Kerl setzt sich zu uns an den Tisch, zieht die Schuhe aus und schläft ein. Kein Wunder, aus den Boxen dröhnt langsamer Trip-Hop. Ein paar Minuten später wacht der Unbekannte wieder auf, fragt nach der Uhrzeit und taumelt davon. Im Instant geht es leger zu. Bevor man hier Anstoß erregt, muss wohl so einiges passieren.
Hardcore und Nu Metal
Nach dem zweiten Bier machen wir uns wieder auf den Weg. In der Dürer Kert, ein Stückchen außerhalb der Innenstadt, soll ein Festival stattfinden. Die Fahrt dorthin ist ein Spektakel für sich: Die Metrolinie 1, die Richtung Nordosten fährt, ist eine der ältesten U-Bahnlinien Europas. Einen engeren U-Bahntunnel kann es nirgends geben. Am Club angekommen müssen wir uns erst mal anstellen. Gute fünfzig Meter lang ist die Schlange. Eine Schule sei das Gebäude mal gewesen, klärt uns jemand auf, während wir uns langsam dem Einlass nähern. In Budapest sei das eigentlich normal: Wann immer irgendwo ein Gebäude frei werde, zögen Clubs oder Bars ein. Nicht schlecht.
Irgendwann haben wir uns tatsächlich nach vorne gekämpft. Der Eintritt kostet 1000 Forint, das ist quasi umsonst. Drinnen sieht es wirklich wie in einer Schule aus. Lange Gänge, links und rechts gehen Türen ab. Ein Raum dient als Raucherzimmer. Wenn das die Lehrer wüssten. Die ehemalige Turnhalle ist jetzt ein Konzertsaal. Gut 500 Leute sind schon drin. Auf der Bühne: Eine Rage Against the Machine-Coverband. Outfits stimmen, Frisuren stimmen, Sound stimmt. Nu Metal ist nicht ganz mein Ding, aber die echten Rage Against the Machine werde ich in diesem Leben vermutlich nicht mehr aus der fünften Reihe sehen. Als die Band fertig ist, schauen wir uns nach der zweiten Bühne um. Ein altes Klassenzimmer, hier geht es kuscheliger zu als in der großen Turnhalle. Die Band nennt sich "Liberal Youth". Mit den Jungliberalen hat das aber nichts zu tun. Die Band, alle um die dreißig, kurz rasierte Haare, knüppelt Hardcoresongs runter. Das Publikum geht ab. Springt auf die Bühne. Fällt wieder runter. Brüllt laut mit. Alles klar: Paris kann uns mal.
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