Fußball-Arenen: Geisterstadien
Fußballstadien sind Pilgerstätten, Schauplätze historischer Momente und architektonische Meisterwerke. Das Buch "50 Stadien in Europa, die man gesehen haben muss", versucht diesen Mythos einzufangen - und greift ziemlich daneben.
Von Johannes Knuth
Manchmal genügt ein einziges Bild, um alle Sinne anzusprechen. Aufnahmen aus Fußballstadien gelingt das oft, der Betrachter starrt auf ein dünnes Blatt Papier und ist trotzdem mittendrin: Er friert beim Anblick des Nebels im Scheinwerferlicht der Flutlichtmasten, ihm wird schwindelig von der Bratwurst- und Bierwolke, er hört die Schlachtgesänge der Fans, die auf der Stehtribüne im gleichen Takt auf- und abspringen und Bierdeckel in die Luft schmeißen, wenn die Mannschaften einlaufen; gleich geht es los, der Betrachter bekommt eine Gänsehaut ...
50 Stadien in Europa, die man gesehen haben muss
Stadionwelt
Erscheinungsdatum: 1. Dezember 2011
Beschreibung: 128 Seiten, DIN A 5
Preis: 12,90 Euro
Verlag: Stadionwelt
ISBN: 978-3943605037
Mögen Sie derartige Bilder? Dann wird Sie "50 Stadien in Europa, die man gesehen haben muss" enttäuschen.
Der Herausgeber, die Firma Stadionwelt aus Brühl, verbreitet mit seinem Bild- und Leseband so viel Stimmung wie bei einem Spiel vor leeren Tribünen. Jedes Stadionporträt muss sich mit zwei winzigen DIN A 5-Seiten begnügen. Das Muster ist stets das selbe: Ein Bild vom Stadioninneren, eine Panoramaaufnahme von Außen, garniert mit einer Abhandlung über die Entwicklung des Fassungsvermögens und ein paar Fakten, die man in jeder Online-Enzyklopädie findet. Die Autoren erzählen von "Hexenkesseln", auf den Bildern fehlen allerdings diejenigen, die ein Stadion erst in einen Hexenkessel verwandeln: die Fans. Es ist, als würde man einem Geisterspiel beiwohnen.
Badewannen und Geburtstagstorten
Die Verfasser scheinen vielmehr an der Architektur der Sportstätten interessiert zu sein, und in dieser Hinsicht bieten sie dann tatsächlich einige Hochkaräter auf. Da wären das hufeisenförmige "Aviva Stadium" in Dublin, das wie ein gigantisches Gewächshaus aus einer ärmlichen Wohngegend herausragt, das neue Stadion im polnischen Danzig mit seinen Dachträgern, die an Hafenkräne erinnern, der 134 Meter lange Stahlbogen des neuen Wembley-Stadions in London, der aussieht wie das Tor zum Himmel, die massiven roten Stahlpfeiler, die an allen Ecken aus dem Mailänder Guiseppe Mezza-Stadion hervorschauen, als hätte jemand vergessen, sie abzuschneiden. "De Kuip", zu Deutsch: "die Wanne" in Rotterdam, ähnelt mit seinem stark nach innen geneigten Dach tatsächlich einer Badewanne, und im Züricher Letzigrund stecken die Flutlichtmasten auf dem Dach wie Geburtstagskerzen in einer Torte. Diese Stadien sollte man tatsächlich einmal gesehen haben.
Ansonsten rätselt der Betrachter, nach welchen Kriterien die Autoren ihre Stadien-Hitliste wohl zusammengebastelt haben. Manche Stimmungskanonen wie der schwarz-gelbe Tempel in Dortmund und die Anfield Road in Liverpool sind mit von der Partie, andere (wie der Betzenberg in Kaiserslautern) fehlen. Beim städtischen Stadion in Breslau heben die Autoren hervor, dass es von 6950 Parkplätzen umzingelt ist, sagenhafte 450 weitere fänden sich in einer Tiefgarage unter der Arena. Der Ibrox Park im schottischen Glasgow scheint nur deswegen einen Platz im Heft gefunden zu haben, weil sein gelb-brauner Rasen der weltweit trockenste ist. Und wie es die Düsseldorfer Arena unter die 50 sehenswertesten Stadien Europas geschafft hat - wenn die nahezu baugleichen Arenen aus Frankfurt, Hamburg und Köln ebenfalls vertreten sind - bleibt das Geheimnis der Autoren.
Bierpipeline und Bahntrassen
Wer sich durch den gesamten Band arbeitet, findet hier und dort immerhin einige amüsante Fakten. Die "Veltins Arena" in Gelsenkirchen versorgt ihre Gäste mit Hilfe einer Bierpipeline (Wir vermuten, dass dies Jahre später die Sponsorenverhandlungen mit einem russischen Ölriesen erleichterte, Anm. d. Red.). Hinter dem Celtic Park in Glasgow können sich die Besucher auf einem morbiden Friedhof gruseln. Die "Synot Tip" Arena zu Prag ist mit einem Drive-In-Schalter einer Fast-Food-Kette ausgestattet, unter den Tribünen des "Aviva Stadium" in Dublin verläuft eine Bahntrasse.
Bleibt die Erkenntnis, dass "50 Stadien in Europa, die man gesehen haben muss" ein netter Reiseführer für Architektur-Fans mit beschränktem Fußball-Vorwissen ist. Alle anderen wünschen sich zu Weihnachten einen der bekannten Bildbände über Fußballstadien. Oder besuchen die Stadien am besten höchstpersönlich.
Eine Auswahl sehenswerter Fußballstadien sehen sie in unserer Bildergalerie (sogar mit Fans!).
- Hier können Sie einen passenden und weiterführenden Link zum Thema vorschlagen.




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