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Simon Heinrich Barbara Kruger

 

Barbara Kruger: Spaziergang  durch  die  Kunst

Wenn die Konzeptkünstlerin Barbara Kruger ausstellt, baut sie schon mal den Eingang der Pinakothek der Moderne in München um. Wir suchen den Weg durch ihren architektonischen Irrgarten

Von Simon Heinrich

Die Eingangshalle lässt den Besucher hilflos erscheinen. Metergroße Buchstaben, die sich nur bei längerer Betrachtung als Wörter und schlussendlich als ganze Sätze entpuppen, zieren den Fußboden. Die Farben schwarz, weiß und rot verwirren noch mehr und führen zu einer inneren Unruhe, die sich nur schwer beschreiben lässt. Wir sind in Barbara Kurgers Ausstellung "Edition 46" in der Pinakothek der Moderne in München.

In etwa so werden sich die meisten Besucher fühlen, die in diesen Tagen die Rotunde der Pinakothek der Moderne in München betreten. Denn der Boden der runden Eingangshalle wurde von der amerikanischen Künstlerin Barbara Kruger neu gestaltet. Ihre Darstellungsformen sind oft sehr speziell - wovon sie auch diesmal keine Ausnahme macht.

Im Kreis ums Kunstwerk

Wer die Worte und Zusammenhänge des Kunstwerks erkennen will, muss sich mehrmals im Kreis bewegen und langsam vom äußersten Ring bis zum kleinen Kreis in der Mitte vorarbeiten. Ohne das Werk sähe das Bewegungsmuster des aufmerksamen Museumsbesuchers sicherlich befremdlich aus.

Doch auch nach dem Betreten und Erfassen des Kunstwerkes bleibt zunächst die Ratlosigkeit. "Nichts Glauben. Nichts Wissen. Alles vergessen.", so die Aussage des äußersten Ringes. "Gewalt lässt uns vergessen, wer wir sind", klingt wie ein weitere Parole, ohne erkennbaren Zusammenhang zur vorherigen Aussage. Hilflosigkeit macht sich beim Zuschauer breit. Dabei wäre die Lösung des Problems so einfach. Wer sagt, dass es nur eine Perspektive auf ein Kunstwerk gibt?

Barbara Kruger macht keine politische Aussage

Barbara Kruger spielt genau mit dieser Hilflosigkeit des Betrachters. Wer direkt auf ihrem kreisförmigen Werk steht, wird niemals verstehen können, was sie damit aussagen will. Die Perspektive muss geändert werden. Somit ab in den ersten Stock des Museums. Und siehe da, die Veränderung der Perspektive bringt vollkommen neue Interpretationsmöglichkeiten: Von oben wird auf einmal deutlich, dass das Werk nicht von außen nach innen, sondern genau umgekehrt verstanden werden muss.

Die Künstlerin bezeichnet sich selbst als nicht-politisch, was beim Anblick ihrer begehbaren Bodenarbeit jedoch schwer zu glauben ist. Den Mittelpunkt ihrer Arbeit bildet ein gelber Kreis, der mit den Worten "buy" und "sell" optisch aus den sonst verwendeten Farben heraussticht. Das den Kreis durchtrennende Banner "how much" und die darum geschlungenen Worte "Scham" und "Schuld" wirken auf den Betrachter wie ein Zerrspiegel der gegenwärtigen Gesellschaft. Bei einer weltweiten Occupy-Bewegung und Nachrichten, die außer Börsen- und Wirtschaftsproblemen nur noch das Wetter zu bieten scheinen, bringt es dieses Werk in seinem "Innersten" auf den Punkt.

"Sie will kein direktes politisches Statement abgeben, aber ein Einfluss von alldem, was da draußen passiert, ist bei ihr sicherlich gegeben", sagt Dr. Bernhart Schwenk, leitender Kurator der Gegenwartskunst in der Pinakothek der Moderne. Ihm ist es zu verdanken, dass Barbara Kruger ihr Werk hier ausgestellt hat. Ihm und der Süddeutschen Zeitung. Denn deren 46. Magazin wird jedes Jahr von einem Künstler gestaltet und eben dieser Künstler stellt seit nunmehr 5 Jahren zeitgleich auch Werke in der Pinakothek aus.

Zeitlos hilflos im Museum

"Glaube + Zweifel = Verstand" und "Gewalt lässt uns vergessen, wer wir sind" bilden die nächsten Ringe des Werkes. Barbara Krugers Wahl, die weiße Schrift abwechselnd auf schwarzem und rotem Untergrund erscheinen zu lassen, gibt dem Gesamtwerk eine sehr bedrückende und nachdenkliche Note, denn diese Farbkombination lässt, gerade in Köpfen Deutscher, schnell eine Assoziation zur NS-Zeit aufkommen. Das Erschreckende an der Botschaft dieses Werkes ist seine Zeitlosigkeit. Ob Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, die hier aufgezeigten Schlagworte oder Sätze sind auf jede Epoche anwendbar, als stünden sie über dem Vergänglichen und blieben für immer. Wie lange Barbara Krugers Werk noch zu sehen sein wird, steht hingegen nicht genau fest. "So lange wie möglich natürlich, aber das Material aus mehreren Folien ist etwas sehr besonderes und wir wissen leider nicht, wie lange es tatsächlich hält", sagt Dr. Schwenk.

Sollten Sie dieses Werk besichtigen, so betrachten Sie es aus verschiedenen Perspektiven, denn erst so werden Sie es verstehen. Die Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit, die der Betrachter im Museum verspürt, ist identisch mit den Gefühlen der Menschen, auf die das Werk hinweisen will. Egal ob gestern, heute oder morgen. Die Ausstellung ist noch bis zum 27. November 2011 zu sehen.

Mehr von der Ausstellung sehen Sie in unserer Bildergalerie.

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